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Juli 2021: Gästebuch für die Besucher des Rathausturmes

„Bei Regen, Wind und Schnee…“

von Dr. Helga Steiger

Ab 1980 konnte der Rathausturm wieder bestiegen werden. Die ersten „Bezwinger“ unterzeichneten im damals ausgelegten Gästebuch. Dieses befindet sich inzwischen im Stadtarchiv.

Der „Höhepunkt“ einer Stadtführung durch Crailsheim ist sicherlich die Besteigung des Rathausturmes – und nachdem seit kurzem wieder Führungen möglich sind, wartet das Team des Stadtführungsservices gerade darauf, dass die Storchenküken flügge werden. Dann können geführte Gruppen wieder die Aussicht von oben genießen.

Dass eine Besteigung des Turmes überhaupt möglich ist, ist einer Bürgerinitiative zu verdanken. Zwar wurde nach dem Zweiten Weltkrieg beim Wiederaufbau des Rathauses auch der ausgebombte Turmstumpf saniert, die schöne barocke Haube aus finanziellen Gründen jedoch nicht wieder aufgesetzt. Jahrzehntelang blieb der Turm ohne schmucke Bekrönung. Für die ehemalige Crailsheimerin Bertha Dinkel, geborene Leiberich, war dies ein unhaltbarer Zustand. Sie rief 1977 anlässlich ihres 80. Geburtstages eine Stiftung ins Leben, um den Stadtturm wieder aufbauen zu lassen. Dinkel spendete 10 000 Mark als Grundkapital, als Bedingung legte sie fest, dass der Turm in Abstimmung mit dem Landesdenkmalamt genau nach den alten Formen wieder errichtet werden sollte. Zudem sollte das Bauwerk bis 25. Juli 1980 fertig sein. Weitere Zustiftungen waren notwendig – und tatsächlich gelang es dank eines enormen bürgerschaftlichen Engagements, die Mittel zusammenzutragen. Noch vor Ablauf der gesetzten Frist wurde die 16 Meter hohe und 16 Tonnen schwere Haube mit Spezialkränen auf das Mauerwerk aufgesetzt. Tausende Menschen aus Crailsheim und der Umgebung strömten an jenem Samstag, dem 13. Oktober 1979, zum Rathaus, um dem Spektakel beizuwohnen.

Die Stadt feierte sich selbst: Wenige Monate später wurde die Einweihung des Rathausturmes und das 600-jährige Jubiläum des Stadtfeiertags mit mehreren Veranstaltungen begangen. Natürlich gehörte eine „Erstbesteigung“ des Turmes zum Programm. Um den historischen Moment festzuhalten, wurde oben im Turm ein Buch ausgelegt, auf dessen ersten Seiten sein Zweck festgehalten ist: „Dieses Buch wird eröffnet zur Erinnerung an die Einweihungsfeier und als Gästebuch für die Besucher des Rathausturmes im Turmzimmer aufgelegt. Crailsheim, den 10. Februar 1980.“ Unterzeichnet ist es von Oberbürgermeister Hellmut Zundel. Es wird als Archivale des Monats Juli 2021 vorgestellt.

An erster Stelle durften sich die Ehrengäste eintragen: Gerhard Hampel als Präsident des Landesvermessungsamtes und Karl Heinrich Koepf vom Landesdenkmalamt Baden-Württemberg. Dann folgen die Unterschriften von Crailsheimer Bürgerinnen und Bürgern, dicht gedrängt und vermutlich als Abbild der Enge, die oben auf dem Turm in den ersten Stunden geherrscht haben mag. Zahlreiche Namen folgen, als Einzelpersonen, Familien oder Gruppen. Das Gästebuch liest sich wie ein „Who’s Who“, ein Personenlexikon der jüngsten Crailsheimer Stadtgeschichte.  Es sind viele Namen von Personen, die damals schon in Crailsheim und darüber hinaus bekannt waren – und einige Namen von Personen, die erst später allgemein bekannt wurden. So hätte sich Gudrun Bolz als eine der ersten Besucherinnen auf dem Rathausturm sicherlich nicht träumen lassen, dass sie in ferner Zukunft mit flinkem Schritt als Stadtführerin Gästegruppen die Stufen hinauf lockt. Auch Stephen Brauer wird als Viertklässler der Grundschule Altenmünster noch nicht Landtagsabgeordneter als Berufswunsch angegeben haben. Und sehr wahrscheinlich hat sich eine später international gefeierte Berühmtheit als junge Dame verewigt: So findet sich der Name „Sabine Meyer“ in der Reihe der ersten Turmbesteiger.

Es unterzeichnen Politikergruppen und Vereine, die Musikanten auf dem Turm, wie die Crailsheimer Jagdhornbläser, es unterschreiben Schüler auf Wandertagen und Ehemalige bei Klassentreffen. Teils sind die Namen brav untereinander aufgelistet, teils in buntem Durcheinander. Nicht nur Crailsheimer wollen den Blick über ihre Stadt genießen: Menschen aus Honhardt, Gerabronn, Blaufelden, Stuttgart, Fürth, München, amerikanische Gäste aus der Partnerstadt Worthington und Soldaten aus den McKee Barracks, Besucher aus Frankreich, Holland, Bulgarien, Australien verewigen sich im Buch. Sogar ein Gruß in arabischer Schrift ist zu finden. Die Unterschrift von „Bud Spencer“ am Faschingsdienstag 1980 dürfte eher in die Kategorie „Fake-News“ einzuordnen sein.

Sind die ersten Seiten noch dichtgedrängt mit Namen versehen, sind auf den hinteren Seiten auch einige Zeichnungen zu sehen: Die in den 1980er Jahre so beliebten wie unausweichlichen „Ottifanten“ wurden reingekritzelt, begleitet von launigen Schülersprüchen, die als niederschwelliges Angebot für beginnende Lyrik-Fans zu werten sind: „Ich sitze hier und esse Klops – auf einmal Kopps“. Auch manche phantasielose Obszönität ließ sich offenbar nicht vermeiden.

Anderes wiederum ist bewegend, charmant und witzig. Ergreifend ist das Gedicht, das die Musikanten beim Turmblasen am Nikolaustag 1980 hinterlassen hatten:

„Bei Regen, Wind und Schnee
bei Glühwein, Rum und Tee
da haben wir hier musiziert
es hat uns wie die ‚Sau‘ gefriert.
Oder: Da haben wir hier musizoren
es hat uns wie die ‚Sau‘ gefroren.“