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Archivale des Monats November 2020

Bezoardisches Pulver oder Latwerg auf Rezept?

Verordnungen und Verhaltensregeln bestimmen im Moment den Alltag der Corona-Pandemie. Schon 1726 wurden gesundheitliche Belange von der Herrschaft geregelt und Empfehlungen zur Bekämpfung einer Seuche gegeben.

Was tun, wenn eine Krankheit nicht nur eine einzelne Person betrifft, sondern eine ganze Gesellschaft? Schon 1726 gab die regierende Markgräfin Christiane Charlotte den Ärzten in ihrem Gebiet eine Handreichung, wie sie mit Patienten umgehen sollten, die an einer ansteckenden Krankheit litten. Dieses informative Schreiben hat sich gemeinsam mit anderen Erlässen dieser Zeit im Stadtarchiv Crailsheim erhalten, in dem Sammelband „Ausschreiben und Verordnungen aus der Regierungszeit der Markgräfin Christiane Charlotte“.

Titelblatt der "Instruction" an die Ärzte in der Markgrafschaft zur Behandlung von Patienten, 1726

Auf acht gedruckten Seiten wird in der „Instruction“ erläutert, wie mit „ansteckenden hitzigen Krankheiten und Fleck-Fiebern“ umzugehen sei. Auch damals schon legte man Wert auf Prävention; das Wichtigste zur Abwehr von Krankheiten sei eine „ordentliche Diät“: Beim Essen und Trinken solle aller Überfluss vermieden werden. Der Verzicht auf als ungesund angesehene Speisen wie Schweinefleisch, Sauerkraut, Käse, Branntwein und frisches Bier wird besonders hervorgehoben.

Aber auch psychologische Aspekte werden berücksichtigt: So solle man sich vor Zorn sowie einer übermäßigen Furcht vor der Krankheit hüten – und vorsichtshalber „von den infizierten Örtern und Häusern, auch Besuchung der Kranken wegbleiben und den Umgang mit solchen Leuten unterlassen“. Auch eine vormoderne Art der Desinfektion wird empfohlen, indem man „eine reinliche Haushaltung führe, die Häuser und Zimmer mit Wacholder-Beeren oder Holz fleißig ausräuchere und alle Unfläterei auf die Seite räume“.

Wer dennoch erkrankt, könne seine Genesung durch entsprechendes Verhalten fördern: „In der Kur wäre dahin zu sehen, dass der Patient sobald er eine außerordentliche Müdig- und Mattigkeit in seinen Gliedern, Frösteln und abwechselnder Hitze, Kopf- oder Rücken-Weh, Ekel, Durst, Ängste, Bangigkeit, usw. an sich spüre, sich zu Bette begebe und mit schädlichem Aufnötigen [Aktivsein] und Herumgehen nicht der Krankheit mehr Platz einräume und die Kräfte schwäche, vielmehr durch die Bett-Wärme und das Einnehmen der dienlichen Arzneien ein beständiges gelindes Dämpfen befördere und dadurch das böse giftige Wesen aus dem Geblüt und von dem Herzen treibe.“ Im Schlafzimmer solle es nicht zu heiß sein, was den Kranken zusätzlich schwäche, sondern eine „gelinde, natürliche Wärme“ herrschen.

Während die allgemeinen Verhaltensregeln damit auch heute noch als gesundheitsfördernd angesehen werden, ist die vorgeschlagene Medikation nicht mehr üblich: Pulver und Tees aus Kräutern und aus als Gift eingestuften Substanzen, wie beispielsweise Salpeter. Beliebt war damals ein „Bezoardisches Pulver“, das den Schweiß treiben sollte. Es wurde aus Bezoaren hergestellt, das sind Steine, die aus verklumpten Haarresten in Mägen von Tieren entstehen und bis heute in manchen Kulturen als Rarität gelten. Das Pulver sollte in Wasser aufgelöst werden, ihm wurde eine giftbindende Wirkung zugesprochen. Offenbar war das Getränk nicht sehr schmackhaft: Empfand es der Patient als „ekelhaftig oder verdrießlich“, so war es ihm erlaubt, Saft beizumischen.

Vor allem bei Magenbeschwerden sollte „Diascordium“ verabreicht werden, ein Mittel, das aus Knoblauch-Gamander, einer krautigen Pflanze, hergestellt wurde. Es wurde als „Latwerg“ verabreicht, als cremige Mischung mit Honig und Kräutern. Gamander war als Pestmittel gebräuchlich. Das frische Kraut wurde auch auf eiternde Wunden gelegt. Bei großer Schwäche des Patienten wurde das Riechen an Essig-Essenz oder ein Tee aus Hirschhorn-Geist empfohlen.

Für unterschiedliche Krankheitszustände wurden in der markgräflichen Verordnung somit unterschiedliche Rezeptmischungen empfohlen. Die Rezepturen für die einzelnen Mittel und Heilwasser sind am Schluss angehängt. Die Mittel sollten in den Apotheken des Landes vorrätig sein und an die Ärzte mit Vorwissen des markgräflichen Amtes ausgehändigt werden. Wenn sich für einen Arzt „Umstände ergeben, die eine weitere Information erforderten“, so konnte er sich bei einem Medicus Rat einholen.

Die Zitate wurden zum besseren Verständnis leicht an das heutige Deutsch angepasst.

Helga Steiger