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Archivale des Monats

Archivale des Monats Mai/Juni 2022: Aquarell zur Trümmerverwertung am Crailsheimer Rathaus
Überraschender Fund: Im Stadtarchiv Crailsheim befindet sich ein Bild des Potsdamer Architekten und Stadtplaners Reinhold Mohr.

Das Bild des Architekten und Stadtplaners Reinhold Mohr zeigt die Trümmerverwertung am Crailsheimer Rathaus. Auf der Rückseite gibt es weitere Informationen, darunter ein Zettel mit der Aufschrift: „Trümmerverwertung 1946-1951 / es entstand daraus die Firma Hoff&Büchler“. Die Firmeninhaber dokumentieren zudem die Schenkung des Bildes an eine „kleine Mitarbeiterin“.

Es ist keine romantische Idylle, auf die der Maler blickt, auch wenn das Aquarell in sanften Tönen gehalten wurde: Mittig im Bild erstreckt sich ein niedriger langgezogener Schuppen mit einer großen Dachfläche, zwei große hölzerne Torflügel geben den Blick frei in eine dunkle Einfahrt. Davor sind in regelmäßiger Ordnung Materialstapel zu sehen. Durch die dazwischen agierenden kleinen Personen wird der Blick an den linken Bildrand gezogen, wo eine Maschinerie aus Förderbändern, Umlenkrollen und Keilriemen offenbar am Laufen ist. Wo diese Szene geschäftigen Treibens stattfindet erschließt sich dem Betrachter erst auf den zweiten Blick: An die Hütte schließt rechts ein Turm an, dessen Spitze nicht zu sehen ist. Dahinter ragen zwei weitere Türme auf: Ein kleinerer, mit offenbar fehlendem Helm, und ein entfernterer mit barocker Haube. Erst dieses Ensemble der mehr oder weniger beschädigten Türme lässt den Betrachter schlussfolgern, dass das Bild eine Ansicht des Crailsheimer Marktplatzes in der Nachkriegszeit ist und die flache Hütte die kläglichen Reste des einst großräumigen Rathauses darstellt.

So ist das als Archivale des Monats ausgewählte Bild Zeugnis der immensen Aufbauleistung, die die Crailsheimer nach der fast vollständigen Zerstörung ihrer Stadt in den letzten Tagen des Zweiten Weltkriegs vollbrachten. Der Innenstadtbereich war ein einziger Trümmerhaufen. Wege mussten erst wieder freigeräumt und begehbar gemacht werden. Dann planten die Crailsheimer den Neubau ihrer Stadt: Ein Stadtbauplan wurde entworfen, wegen der gewünschten Verbreiterung der Straßen und Vergrößerung der Plätze wurde ein Umlegungsverfahren beschlossen sowie eine Trümmerverwertung begonnen. Dazu wurde die Baufirma Erich Hoff mit der Enttrümmerung beauftragt. Die Crailsheimer führten Trümmersteine zu einem Steinbrecher am Rathaus, mit einem „Schwingbetongerät“ wurden neue Mauersteine hergestellt.

Das Bild im Crailsheimer Stadtarchiv zeigt die Aufbruchsstimmung der Nachkriegszeit. Auf der Rückseite sind wichtige Ergänzungen zu seiner Entstehung festgehalten. So ist am unteren Rand mit Bleistift notiert: „Blick vom obersten Fenster nach der Trümmerverwertung. Crailsheim. R. Mohr. Juli 1951.“ Spätere Hände haben hinzugefügt: „21. Juli 1946 bis 19. Juli 1951.“ Eine weitere Notiz gibt Hinweise auf den möglichen Künstler: „Geschaffen vom Schwiegersohn der Blezingerapotheke“, doch ist das Wort „Schwiegersohn“ durchgestrichen und darüber „von Herrn Mohr“ geschrieben.

Daraus lässt sich folgern: Der Maler des Bildes hatte offenbar das Geschehen vom obersten Geschoss der Blezingerapotheke, die ehemals den Marktplatz nach Norden begrenzte, beobachtet. Der Schwiegersohn des damaligen Apothekeninhabers Robert Blezinger, das zeigen die Crailsheimer Familienbücher, hieß Bernhard Wilhelm Otto Mohr. Er hatte am 19. Oktober 1939 in Crailsheim Gertrud Helene Melanie Blezinger geheiratet, die Enkeltochter des Crailsheimer Apothekers und Ehrenbürgers Richard Blezinger. Auf dem Gemälde signiert der Künstler allerdings mit „R. Mohr“, sowohl auf der Rückseite als auch auf der Malerei der Vorderseite. Es handelt sich daher nicht um den Schwiegersohn Blezingers – wie auch auf der Inschrift korrigiert wurde – sondern mit großer Wahrscheinlichkeit um dessen Vater, Reinhold Gotthilf Immanuel Mohr – und damit wäre das Crailsheimer Stadtarchiv im Besitz eines Kunstwerks eines in Potsdam hoch angesehen Architekten und Stadtplaners. Offenbar war Reinhold Mohr bei den Schwiegereltern seines Sohnes zu Besuch. Kein Wunder, wenn er sich für den Wiederaufbau von Crailsheim und insbesondere für die technische Umsetzung interessiert hatte. Sein Aufenthalt im Juli 1951 könnte auch ein Hinweis sein, dass er Interesse am Neubau des Landratsamtes zeigte, für den ein Wettbewerb ausgeschrieben worden war.

Der 1882 in Stuttgart geborene Reinhold Mohr lebte schon seit 1911 in Potsdam, wo er 43 Jahre lang in verschiedenen Ämtern für den Bau und den Umbau zahlreicher repräsentativer Bauten verantwortlich war. So wurde beispielsweise 1932 nach seinen Entwürfen der Musikpavillon im Luftschiffhafen gebaut, ein luftiges Glasgebäude, das konsequent die Architektur der Moderne darstellt. Während der NS-Zeit blieb Mohr im Stadtbauamt tätig, war als Parteiloser allerdings nicht mehr in verantwortlicher Stellung tätig. Nach dem Krieg wurde er mit den Planungen für den Wiederaufbau des kriegszerstörten Potsdams betraut. In hohem Alter, mit 84 Jahren, kehrte er 1966 nach Stuttgart zurück. Mohr war enttäuscht vom Umgang mit der Architektur in Potsdam, die für viele Bauten den Abriss vorsah und damit seiner Ansicht nach eine städtebauliche Verarmung brachte. Sein Schaffen wird jedoch jüngst in Potsdam verstärkt gewürdigt. Zum Jahrestag seines 100-jährigen Dienstantritts wurde am 30. Juni 2011 ein Uferweg am Templiner See nach ihm benannt, das dortige Restaurant „Seekrug“ war ebenfalls von ihm entworfen worden. Und das Potsdam Museum, das Teile des Nachlasses besitzt, setzt jüngst ein umfassendes Digitalisierungsprojekt um: „Reinhold Mohr (1882-1978). Zwischen Tradition und Moderne“. Dabei werden Architekturzeichnungen und Entwürfe zu Potsdamer Gebäuden katalogisiert und digital erfasst. Darunter sind auch einige Aquarelle von seiner Hand, die mit ihrer Farbigkeit und mit der grafischen Umsetzung der gezeigten Architektur durchaus vergleichbar mit dem Crailsheimer Bild sind. von Dr. Helga Steiger

Info: Wer sich für die Werke Reinhold Mohrs interessiert: Eine Auswahl kann online abgerufen werden, unter brandenburg.museum-digital.de/institution/10 kann unter der Rubrik „Sammlungen“ sein Nachlass ausgewählt werden.