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Archivale des Monats November 2021

Die Stadt Crailsheim wird liquide
Die Verfügbarkeit von Wasser ist in unserem Land eine Selbstverständlichkeit. Es sprudelt in hervorragender Qualität an beliebigen Stellen im Haus und in öffentlichen Gebäuden aus der Leitung. Das ausgeklügelte unterirdische Zuleitungssystem ist und war im öffentlichen Raum kaum sichtbar. Der Verlauf der Leitungen sollte früher nicht bekannt werden, um Sabotagen zu verhindern. Eine Kommune zeigte jedoch gerne in der Ortsmitte mit repräsentativen, figurengeschmückten Brunnen ihren Reichtum, sozusagen ihre „Liquidität“. Öffentliche Brunnen waren große Kästen, die als Löschwasser-Reservoir dienten. Nur das nachlaufende Wasser, das sogenannte Überwasser, stand den Einwohnern zur Verfügung.

Bevor das Wasser in jedes Haus kam, befanden sich solche großen Schaubrunnen und zahlreiche kleinere Brunnen im ganzen Stadtgebiet. Wie Karl Wiedmann bei seinen stadtarchäologischen Forschungen festgestellt hat, gab es Ende des 19. Jahrhunderts in Crailsheim 79 private und 15 städtische Pumpbrunnen, die mit einer Kolbenpumpe Wasser an der entsprechenden Stelle hochförderten. 12 private und 14 städtische Brunnen waren sogenannte Laufbrunnen und boten den Luxus von fließendem Quellwasser.

Die Forschungen des Crailsheimer Bautechnikers Wiedmann zeigen es: Crailsheim war in Bezug auf seine Wasserversorgung immer auf dem Stand der Technik: Schon im 15. Jahrhundert gab es eine Wasserleitung aus Holzdeicheln, die über eine Strecke von knapp 2000 m Wasser zum Crailsheimer Schloss und weiter zu den Brunnen am Karlsplatz und vor der Liebfrauenkapelle förderte – ganze 1500 Liter pro Tag. Seit dem Jahr 1621 wurden mit der Einweihung der „Goldbacher Röhrenfahrt“ sogar 4000 Liter pro Tag in die Stadt gefördert. Dazu wurden über 2000 Kiefernstämme der Länge nach durchbohrt und mit eisernen Verbindungsmuffen zusammengefügt. Ein weiterer Abzweig der Leitung wurde in der Stadt gebaut. Um 1800 wurde das inzwischen nur noch spärlich führende Leitungssystem erneuert und um einen dritten Abzweig ergänzt. Dann standen den Crailsheimern pro Kopf 25 Liter am Tag zur Verfügung. Im Jahr 1900 gab es dann einen weiteren Dimensionssprung, als südlich von Gerbertshofen und Weipertshofen 19 Quellen gefasst und ihr Wasser mit einem rund 20 Kilometer langen Leitungsnetz aus Gussrohren in die Stadt geführt wurde. Auf dem Karlsberg wurde ein Wasserreservoir eingerichtet.

Während die Netzsysteme der ersten Wasserversorgungen nur archäologisch und ausgehend von wenigen Schriftquellen festgestellt werden können, wurde bei dem Neubau vor 120 Jahren das Leitungssystem mit Quellen, Leitungen, Entlüftungen, Schlammkästen zur Reinigung der Rohre (Spülschächte) und den Entnahmestellen in Flurkarten genau dokumentiert. Die rund 52 x 52 cm großen Karten wurden mittig gefaltet und zu Büchern gebunden. Diese dienten als Arbeitsgrundlage des Wassermeisters und wurden vor kurzem an das Stadtarchiv gegeben. Vor allem die Karte, die das Stadtgebiet von Crailsheim zeigt, veranschaulicht präzise und fein koloriert, wie aufwendig und ausgeklügelt das Wasserleitungssystem damals schon war.

Die zugrundeliegende exakt vermessene Urkarte wurde 1829 von Geometer Feiler angefertigt. Um 1900, zum Zeitpunkt der Verlegung der Crailsheimer Wasserleitung, sah die Stadt jedoch schon ganz anders aus. Daher wurde die originale Flurkarte verändert – „neu rectificirt 1876 u. 82“ ist in der oberen rechten Ecke vermerkt. Dazu wurden die Druckplatten aus Solnhofer Kalkstein überarbeitet. Ganz besonders auffallend ist die Einzeichnung des ab 1866 gebauten Bahnhofsgeländes, wo Jahrzehnte vorher auf der Karte nur Äcker und Wiesen verzeichnet waren.

Das Wasserleitungssystem entlang der Hauptstraßen durch die damals schon dicht bebaute Stadt wurde auf einer sogenannten Mutterpause eingezeichnet, das ist eine Kopie des Plans auf einem Transparent-papier. Diese diente dann als Vorlage für die Lichtpausen. Auf diesem gedruckten Blatt wurden dann von Hand die Leitung blau und die Schächte rot markiert. Ist ein solcher Punkt zur Hälfte dunkel gefärbt, befindet sich an dem Schacht ein Schieber, mit dem Teile des Leitungssystems abgesperrt werden konnten. Selbst die Hausanschlussleitungen mit den Abzweigungen in die Gebäude sind mit dünner Feder eingetragen.

Auch dieses Wasserleitungssystem war nur ein Zwischenschritt: Schon wenige Jahrzehnte später gründete die Stadt Crailsheim mit den umliegenden Gemeinden den Zweckverband Wasserversorgung Jagstgruppe, „zur Sicherung einer ununterbrochenen Versorgung mit Trink- und Nutzwasser“, wie es in der Verbandssatzung heißt. So wurde im Gründungsjahr 1933 eine Leitung von den Quellen südwestlich von Rechenberg über Jagstheim und Altenmünster durch Crailsheimer Stadtgebiet bis nach Maulach und Wollmershausen projektiert – auch das dokumentieren verschiedene Karten im Stadtarchiv. Bemerkenswert ist, dass die damaligen Verbandsgemeinden der Jagstgruppe später sämtlich zu Crailsheimer Stadtteilen wurden. Eine Änderung der Vereinssatzung gab es im Jahr 1988, als sich die Gemeinden Frankenhardt, Kreßberg, Jagstzell und Rosenberg dem Zweckverband anschlossen. Inzwischen betreibt die Jagstgruppe 47 Brunnen und Quellen sowie zwei Wasserwerke, je eines in Schweighausen (Jagstzell) und auf dem Kregelberg (Crailsheim).  Seit 2014 kooperiert der Verband mit dem Zweckverband Wasserversorgung Nordostwürttemberg (NOW), von wo schon seit den 1960er Jahren Wasser zugekauft wurde. Die NOW hat ihren Sitz in Crailsheim und versorgt inzwischen 100 Städte und Gemeinden mit Wasser.                                                                    von Dr. Helga Steiger