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"Archivale des Monats"

An jedem ersten Dienstag des Monats wird ein ausgewähltes Dokument der Stadtgeschichte präsentiert. Besucherinnen und Besucher können Schriftstücke, Pläne und Objekte im Original sehen und erfahren etwas über deren Herkunft und Geschichte.

Archivale des Monats Mai 2020, vorgestellt von Andreas Mundt

Hans Sachs, ca. 1920

 

Die Weimarer Tagebücher von Hans Sachs

Im Mai 2000 sind durch Matthias Klotz mit einem umfangreicheren Nachlass auch drei kleine Tagebuch-Bändchen von Hans Sachs über seine Zeit in Weimar in den Bestand des Stadtarchivs gelangt. Die Tagebucheinträge umfassen die Zeit vom 5. Februar 1919 bis zum 22. August 1919.

Ihr Autor, Hans Sachs, wurde am 28. November 1874 als Sohn des Stadtschultheißen Leonhard Sachs in Crailsheim geboren und ist am 5. August 1947 in Crailsheim gestorben. Zuletzt lebte er in seinem Haus Parkstraße 6 (bis 2019 Familienzentrum Parkstraße). Nach seiner Schulzeit in Crailsheim und seinem Studium in Tübingen, Leipzig und Berlin hat sich Hans Sachs in den Redaktionen verschiedener Zeitungen betätigt, bis er 1906 als Pressereferent in die Kolonialabteilung des Auswärtigen Amtes wechselte. Er stieg zum Kaiserlichen Geheimen Regierungsrat auf. Da die provisorische Regierung und die Nationalversammlung ihren Sitz aus dem umkämpften Berlin Anfang 1919 nach Weimar verlegt hatte, wurde Hans Sachs ebenfalls nach Weimar beordert. Er begleitete die politischen Geschehnisse mit seiner Pressearbeit von dort aus.

Die drei kleinen Bändchen sind keine besonderen „Tagebuch“-Bände, sondern sicher nach Bedarf spontan gekaufte kleinformatige Notizbücher. Sie sind im Umfang unterschiedlich. Nicht in jedem Fall hat Hans Sachs die zur Verfügung stehende Seitenzahl genutzt. Die Bändchen zeigen äußerlich keine besonderen Merkmale, lediglich bei Heft 1 ist in den Einbanddeckel das Wort „Weimar“ geritzt.

Der Leser nimmt in den Einträgen am persönlichen Leben Hans Sachs‘ in Weimar teil und aus einer gewissen Distanz an den politischen Debatten und Entscheidungen: Im November 1918 hatte Matthias Erzberger im Wald von Compiégne den Waffenstillstandsvertrag für das Deutsche Reich unterschrieben. In Paris fanden zum Zeitpunkt der Abfassung der Tagebücher die Friedensverhandlungen der Entente statt. Das Deutsche Reich war bei diesen Verhandlungen nicht beteiligt. Lediglich eine Kommission war vor Ort – aber nicht am Verhandlungstisch. In den ersten Tagebucheinträgen von Anfang Februar 1919 wird die Zukunft des Reichskolonialamtes diskutiert, dessen Eigenständigkeit oder eine Eingliederung in das Auswärtige Amt.

Weimarer Tagebuch Heft 1, Umschlag

Sachs hatte während seiner ganzen Zeit in Weimar Zugang zu verschiedenen Ministern und Regierungsmitgliedern, aber auch zur Opposition. In dieser Weimarer Zeit tritt Sachs der Goethe-Gesellschaft und der Deutschen Volkspartei (DVP) Gustav Stresemanns bei. Nicht nur hier zeigt sich Hans Sachs als Konservativer. Vor allem im dritten Tagebuch für den Zeitraum vom 18. Juni 1919 bis 22. August 1919 tritt seine Tätigkeit für die Deutsche Volkspartei in den Vordergrund. Er wird rasch in den geschäftsführenden Ausschuss der Partei gewählt, nimmt an Parteitagen teil und versucht einen organisatorischen Aufbau der Partei in Württemberg. Er holt Parteireferenten nach Stuttgart und hält selbst Vorträge.

Weimarer Tagebuch Heft 3, Letzter Eintrag

Auch nach Crailsheim gibt es immer wieder Kontakte, vor allem brieflicher Art (z.B. an Dekan Hummel), aber auch zur Verwandtschaft in Schmalfelden. Anlässlich einer Hochzeit in der Familie erhält er ein ansehnliches Paket mit Lebensmitteln aus Schmalfelden. Diese Lieferung kommentiert er mit den Worten „nur her mit den Futtermitteln“. Wir erleben Hans Sachs privat auf zahlreichen Spaziergängen und Wanderungen in Weimar und Umgebung. Er ist sehr empfänglich für Naturstimmungen, stimmungsvolle Sonnenuntergänge und stille Parks. Zum Schluss zieht er ein positives Resümee seiner Weimarer Zeit. Er fühlt sich der Weimarer Klassik und ihren Akteuren sehr verbunden und sieht sich durch sie gestärkt. Vor dem Schlusswort zitiert er daher noch einen Vers aus Richard Wagners „Die Meistersinger von Nürnberg“, die dort von dem „anderen“ Hans Sachs gesungen werden:

Zerging in Dunst

Das heil´ge römische Reich

Uns bliebe gleich

Die heil´ge deutsche Kunst

 

Die Tagebücher führen hinein in einen turbulenten Zeitabschnitt der deutschen Geschichte. In einen Abschnitt, in der vieles in der Schwebe war. Die unterschiedlichsten Entwicklungen schienen möglich. Hans Sachs war mittendrin. Seine lebensnahen Ausführungen geben Anstöße, sich mit den Details dieser Zeit zu beschäftigen.

Die Tagebücher Hans Sachs‘ sind auch ein Beispiel dafür, dass sich im Stadtarchiv Crailsheim nicht wenige Dokumente befinden, die durchaus von überregionaler, zum Teil sogar nationaler Bedeutung sind.

Weimarer Tagebuch Heft 2, Erste Seite