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September 2021: Buntes Lockmittel zum Fränkischen Volksfest

Im Stadtarchiv werden die Volksfestplakate der letzten 100 Jahre aufbewahrt

Vermutlich das älteste Volksfest-Plakat: Es zeigt eine alte Stadtansicht mit Rathausturm und Liebfrauenkapelle

Eines vermissen die Crailsheimer in diesen Tagen besonders: Das freundliche Winken des „Eilooders“ zum Fränkischen Volksfest. Seit 1951, und damit seit genau 70 Jahren, ist er Symbol der „Fünften Jahreszeit“ in Crailsheim: Damals hatte der Volksfestausschuss einen Wettbewerb für ein Plakat ausgelobt. Fünf Künstler reichten Entwürfe ein, und „nach mancherlei Beratungen und Erwägungen“ – wie es in einem Bericht des Hohenloher Tagblatts vom 15. August 1951 heißt, wählte der Ausschuss den Entwurf des aus Crailsheim stammenden und in Lindau tätigen Künstlers Gottlob Rettenmaier aus. Seither ist der „fröhliche Franke“ in historischer Tracht mit Regenschirm und Dreispitz das Bildsymbol des Festes schlechthin – nicht nur auf Plakaten, sondern auch auf Festprogrammen und -karten, auf Zugfahrplänen, als Ansteckpin und auf T-Shirts. Seit 1963 grüßt er monumental über einem Torbogen am Eingang zum Volksfestplatz – und seit einigen Jahren auch in Form von Tattoos an delikaten Stellen.

Der Plakatwettbewerb wurde 1951 ausgelobt, weil damals ein Doppeljubiläum gefeiert wurde: 110 Jahre Landwirtschaftliches Bezirksfest, das unter Einbeziehung von Handel und Gewerbe seit 50 Jahren unter der Regie der Stadt Crailsheim als Fränkisches Volksfest gefeiert wurde. Das heißt, die ersten Jahrzehnte wurde das ursprünglich rein landwirtschaftliche Fest noch ohne den einladenden Jungbauern begangen. Die vorherigen Plakate lockten die Feierwilligen mit ganz unterschiedlichem Layout. Sie zeigten scherenschnittartig die Stadtsilhouette und brachten Feststimmung mit Ansichten von Riesenrad und bunten Ballonen.

Abb.2

Die Volksfestplakate der letzten 100 Jahre haben Eingang gefunden in die Plakatesammlung des Crailsheimer Stadtarchivs, wo sie unter der Signatur P 3 kürzlich verzeichnet wurden. Das erste datierte Plakat stammt aus dem Jahr 1925. Vermutlich noch älter ist jedoch ein nicht näher bezeichnetes Plakat: Es zeigt eine Ansicht der Stadt von der Jagst her gesehen, mit Rathausturm und Liebfrauenkapelle, die hinter den Resten der Stadtmauer und der engen Bebauung aufragen. Unter der Darstellung ist die Beischrift zu sehen: „Crailsheim / Großes Fränkisches Volksfest im September“. Im Bildfeld ist oben das Wappen der Stadt mit den drei Krailen und unten rechts – natürlich – ein Horaff platziert. Ein aus gegenständigen Horaffen gebildetes Bandornament umgibt die bildliche Darstellung. Unterzeichnet ist das Blatt mit dem Namen der Druckerei, der Lithographischen Anstalt Max Seeger in Stuttgart, und mit dem Namen „Stierle“. Der Entwerfer ist aufgrund seiner Signatur mit Heiner bzw. Heinrich Stierle zu identifizieren. Stierle wurde 1879 in Stuttgart geboren und war als Maler tätig. Seine impressionistischen Gemälde werden von Zeit zu Zeit auf Kunstauktionen angeboten.

Aus der Tatsache, dass das bunte Treiben „Fränkisches Volksfest“ genannt wird, ist ersichtlich, dass das Plakat frühestens 1901 entstanden sein kann, als das Fest in städtische Verwaltung überging. Stadtschultheiß Hugo Sachs hielt damals, am 24. September 1901, die erste Rede eines Crailsheimer Bürgermeisters zur Eröffnung des Festes. Er erklärte, dass der bisherige Organisator, der Landwirtschaftliche Bezirksverein, das Abhalten des Festes nicht mehr alleine stemmen konnte – und dass daraus jedoch keinesfalls eine Entfremdung zwischen Stadt und Land abzulesen sei, wie böse Zungen behaupteten: „Nichts Lächerliches als das! Glauben Sie denn, daß vielleicht das bösartige Geschwätze einzelner, oder daß die üble Laune eines Zeitungsschreibers oder daß gar die Folgen politischer Wahlen und andere Dinge geeignet sind, eine seit Jahrhunderten bestehende, zur Existenz beider Teile notwendige Freundschaft zwischen Stadt und Land zu trüben und das Band unwandelbarer Treue zu lockern oder zu zerreißen? Nein, niemals!“ Eine gute Ernte bringe gute Geschäfte, Stadt und Land gehörten daher unmittelbar zusammen, so das Stadtoberhaupt. Diese Haltung kam wohl 50 Jahre später zum Tragen, als der „Eilooder“, der fränkische Bauersmann im Sonntagsstaat, erfunden wurde und seither als Festbesucher vor Ansichten der Stadt und des Rummelplatzes präsentiert wird. Vielleicht haben wir Glück und der „Eilooder“ winkt uns nächstes Jahr zum Volksfest wieder zu.

von Dr. Helga Steiger

Abb.3
Abb.4
Abb.5
  • Abb.2: 1951 von Gottlieb Rettenmaier aus der Taufe gehoben und seither nicht mehr wegzudenken: Dem „Eilooder“ gelang es laut HT-Redakteur Albert Gscheidle schon damals, die Volksfestbesucher „in einen Hexenkessel der heiteren Verirrung zu stürzen“
  • Abb.3: Das älteste erhaltene datierte Plakat stammt aus dem Jahr 1925
  • Abb.4: Bunte Ballone versprechen Unbeschwertheit und Vergnügen – die fehlenden Hauben auf den Türmen des Rathauses und der Liebfrauenkapelle erinnern jedoch noch an die schwere Zeit des Krieges
  • Abb.5: Dieser gemütliche Dickbauch wurde ebenfalls zum Plakat-Wettbewerb eingereicht. Er war im Jahr 1953 das Plakatmotiv, konnte sich jedoch letztlich nicht gegen den „Eilooder“ durchsetzen