Aktuelles

April 2021 von Dr. Helga Steiger: Schadensplan der Stadt Crailsheim

„Die ganze Innenstadt war ein einziger Trümmerhaufen“

Im Stadtarchiv Crailsheim gibt es eine umfangreiche Karten- und Plansammlung. Ein Plan der Stadt Crailsheim ragt dabei besonders heraus, er zeigt den Grundriss der Innenstadt östlich der Jagst. Rechts und links der beiden Hauptstraßen, der Langen Straße und der Karlstraße, stehen die Häuser dicht an dicht. Kleine schiefe Gässchen führen zu den größeren Plätzen, zum Markt- und zum Schweinemarktplatz, zum Kirchplatz, Karlsplatz und Schlossplatz. An letzterem ist noch die Vierflügelanlage des Crailsheimer Schlosses zu sehen. Der Plan zeigt somit das alte Crailsheim, das mittelalterliche fränkische Städtchen, das nach Meinung von zeitgenössischen Städteplanern „ein abgerundetes, gutes Stadtgebilde in der Art der Städte Dinkelsbühl oder Nördlingen“ war.

Doch dieses Crailsheim gab es zu diesem Zeitpunkt bereits nicht mehr: Der Plan ist einer von mehreren Plänen des Stadtarchivs Crailsheim, auf denen unmittelbar nach der Zerstörung der Stadt in den letzten Wochen des Zweiten Weltkrieges die Kriegsschäden dokumentiert wurden. In seiner unbedarften Buntfarbigkeit vermittelt er dem Betrachter erst auf den zweiten Blick die ganze traurige Wirklichkeit: Die Legende zeigt, dass alles, was gelb markiert wurde, total zerstört war, orangefarbig markierte Häuser waren schwer zerstört, leicht- bzw. unbeschädigte Gebäude waren mit den Farben rot und braun gekennzeichnet.

Schadensplan der Stadt Crailsheim, Maßstab 1: 2500, 75 x 58 cm.

So ist sehr gut zu sehen, dass die braun markierten Gebäude der unteren Wilhelmstraße und der Spitalstraße fast keine Schäden zu verzeichnen hatten. Der Bereich dazwischen, die komplette historische Altstadt also, wurde gelb bzw. orange markiert: total oder schwer zerstört. Abgesehen von den Gebäuden rund um die Johanneskirche waren nur zwei weitere Gebäude in der Stadt unversehrt geblieben. Crailsheim war damit im Innenstadtbereich zu 95 Prozent dem Erdboden gleichgemacht. Die einzelnen Strukturen der Gebäude waren praktisch nicht mehr zu erkennen. Ein Leben war in der Stadt kaum mehr möglich. Zeitzeugin Marie Wohlmann hielt in ihrer Familienchronik fest: „Es herrschten wahrhaft chaotische Zustände in der Stadt. Die ganze Innenstadt war ein einziger Trümmerhaufen, von den Brandbomben stieg der Rauch noch lange aus den Ruinen hoch, und der Brandgeruch lag noch wochenlang über der Stadt.“

Die Zerstörung der Stadt hatte sich über mehrere Wochen hingezogen. War Crailsheim zunächst noch einigermaßen vom Kampfgeschehen verschont geblieben gab es am 2. Februar 1945 den ersten Bombenangriff, bei dem Menschenleben zu beklagen waren: das Konsumgebäude in der Grabenstraße wurde dabei durch einen Volltreffer zerstört. Am 23. Februar war das Bahnhofsareal Ziel eines konzentrierten Bomberangriffes. Das Gelände war nach der Detonation von 928 Bomben (laut Einsatzbericht der amerikanischen Achten Luftflotte) wie umgewühlt, auch zahlreiche Wohn- und Industriegebäude, etwa das Gaswerk, sowie der Rathausturm wurden schwer getroffen bzw. zerstört. Bei den beiden Angriffen starben 70 Menschen.

Hanna Westhäußer, geb. Leiberich, berichtete in einem Brief über diese ersten Bombardierungen und hielt dabei die nicht greifbare Widersprüchlichkeit von Kriegszeiten fest: „Ich weiß, daß ich bei allem Durcheinander noch nie einen so schönen, warmen und trockenen Frühling erlebt habe.“ Doch diesen Frühling zu genießen, dazu hatten die Crailsheimer endgültig keine Gelegenheit mehr: Nach schweren Bombardierungen am 4. April, die unter anderem dem Fliegerhorst galten, kamen zwei Tage später überraschend amerikanische Soldaten mit Panzern in der Stadt an und nahmen diese ohne wesentliche Gegenwehr ein. Die vorher aus der Stadt geflüchteten SS-Truppen nahmen Crailsheim unter Artilleriebeschuss und fügten somit der Stadt weitere schwere Schäden zu, unter anderem rund um den Schweinemarktplatz. Womit nicht mehr zu rechnen war: Die Deutschen „eroberten“ die Stadt zurück – die Amerikaner zogen sich am Abend des 10. April hinter die eigenen Linien zurück. Dabei legten sie an mehreren Stellen Feuer, welches zu weiteren Schäden und Zerstörungen von Gebäuden führte.

Die auf deutscher Seite hochstilisierte und gefeierte „Rückeroberung“ brachte neue Bombardements durch amerikanische Jagdbomber. Ziele waren die Hauptstraßenkreuzungen, die Eisenbahnbrücke, erneut das Rathaus, der nördliche Teil der Stadtmitte. NSDAP-Kreisleiter Hänle ließ ab 14. April in der schon schwer getroffenen Stadt Panzersperren errichten. Noch am Abend des 20. April ließ die SS die Jagstbrücke sprengen. Die Amerikaner nahmen den Widerstand als Aufforderung zum Beschuss mit Phosphorgranaten. In der Nacht zum 21. April 1945 ging die Stadt endgültig unter. Als eines der letzten Gebäude brannte das Schloss aus. Manche brennenden Gebäude konnten wegen fehlender Infrastruktur nicht gelöscht werden. Sie steckten benachbarte Gebäude in Brand, die bis dahin noch unversehrt geblieben waren. Beim Einmarsch notieren die Amerikaner: „Die Brände sind gefährlicher als der Feind.“

Zu diesem Zeitpunkt waren nur noch wenige Menschen in der Stadt, viele waren in die Vororte oder in die umliegenden Dörfer geflüchtet. Berichte von Augenzeugen, Luftfotografien, Notizen des amerikanischen und deutschen Militärs liefern nur ein unvollständiges Bild, wie die Stadt nach und nach unterging. Der Schadensplan im Crailsheimer Stadtarchiv hält den traurigen Endzustand fest.    von Dr. Helga Steiger

Die Berichte der Zeitzeugen wurden entnommen aus Hans Gräser (Hrsg.): Die Schlacht um Crailsheim. Das Kriegsgeschehen im Landkreis Crailsheim im 2. Weltkrieg. Crailsheim 1997.

März 2021: Skizzenbuch des Ernst Stock

Der malende Gastwirt und Privatier

An der frischen Luft unterwegs zu sein war in den letzten Wochen die wichtigste Freizeitaktivität und das wird es trotz schrittweiser Öffnungen sicherlich noch eine Weile bleiben. Wer sich beklagt, dass sein täglicher Wanderweg bereits Spurrinnen hat, könnte bei wärmeren Temperaturen ja mal prüfen, ob es stimmt, dass in jedem Menschen ein Künstler steckt: Er könnte sich an einem schönen Plätzchen niederlassen und versuchen, seine Umgebung zeichnerisch festzuhalten.

Ernst Christian Stock war Sohn des „Wildmannwirtes“. Stock hat die elterliche Gastwirtschaft am Schwanensee im September 1907 gemalt

Auf diese Weise ist vor mehr als 100 Jahren Ernst Stock durch Crailsheim und Umgebung gewandert. Dabei hat der damals 80-Jährige ein Skizzenbuch gefüllt – mit Ansichten von Landschaften und Gebäuden, mit Darstellungen von einzelnen oder mehreren Personen oder von Tieren in Feld und Wald. Das Buch wirkt von außen mit seinem beigefarbenen leinenbezogenen Einband eher unscheinbar. Im Inneren sind jeweils auf der rechten Seite die farbenfrohen Bilder zu sehen.

Ernst Christian Stock malte den Diebsturm, wie er heute nicht mehr zu sehen ist: Mit voll-ständig erhaltenem Wehrgang und der umgebenden Bebauung

Der Künstler, Ernst Stock, war kein gelernter Maler und das sieht man seinen Bildern auch an. Sie wirken oft kindlich-naiv. In der Natur plan liegende Flächen erscheinen manchmal wie hochgeklappt, zudem lässt die starke Betonung der Umrisslinien vor allem die Figuren etwas hölzern wirken. Der besondere Wert des Buches liegt jedoch darin, dass Stock auf manchen Bildern Orte in und um Crailsheim sehr genau und detailreich wiedergegeben hat. Er malte seine Umgebung zu einem Zeitpunkt, als zwar die Fotografie bereits etabliert war, aber dennoch kaum Stadtansichten abgelichtet wurden, sondern überwiegend Personen im Atelier. So sind auf seinen Aquarellen Orte gezeigt, die sich heute in einem völlig veränderten Zustand darbieten. Stock hat die Motive genau bezeichnet, ein Bild ist betitelt als „Blick auf den fränkischen Rigi u. Burgberger Wald, Roßfeld u. Sauerbrunnen von den beiden Bahnwarthäuschen aus an der Linie Mergentheim-Nürnberg“. Ein weiteres Bild zeigt den Diebsturm, an den noch der komplette Wehrgang mit mehreren angebauten Schuppen anschließt und hinter dem das stattliche Wohnhaus der Familie Mülberger zu sehen ist.

Dass Stock gerne in Nah und Fern unterwegs war, zeigt sich an der weiteren Auswahl seiner Motive, beispielsweise „Heldenmühle und Auhof“, „Schloß Burleswagen und Neidenfels“, „Dinkelsbühl-Rothenburger Tor“, „Zwingenberg an der Bergstraße“.

Die Bergwerkstraße um 1910: Stock zeigt die Villa Scheef und den Rosenwirtsbierkeller.

Interessanterweise malte Stock auch Gastwirtschaften, so den „Wildmannkeller“ am Schwanensee, wo sich jetzt das Albert-Schweitzer-Gymnasium befindet, oder den „Rosenwirtsbierkeller“ neben der Villa von Carl Scheef in der heutigen Bergwerkstraße. Kein Wunder: Ernst Christian Stock war selbst Gastwirt, und zwar von 1862 bis 1881 auf der „Sonne“ in der Langen Straße. Er wurde 1837 in Crailsheim als Sohn des Wildmannwirtes Georg Christoph Friedrich Stock geboren. 1863 heiratete er Karoline Christine, Tochter des Konditors Johann Gerg Stock. Das Paar hatte neun Kinder. Aus dem Besitz der Tochter Bertha, die im Jahr 1900 den Malzfabrikanten Friedrich Cron geheiratet hatte, kamen verschiedene Materialien ins Stadtarchiv, so das als Archivale des Monats März vorgestellte Skizzenbuch und ein gemalter Stammbaum der Familie. Auf letzterem wird die Familiengeschichte bis ins Jahr 1700 zurückgeführt, auf den „Bierbrauer und Gastwirth zum Wildmann“ J. H. Stock.

Ernst Stock hatte genügend Zeit, sich der schönen Muße hinzugeben: Nach einem Insolvenzverfahren lebte er weiter als „Privatier“, das heißt, ohne einer Arbeit nachzugehen von seinem Besitz. Nicht allzu schlecht, wie ein Bild in seinem Skizzenbuch beweist, auf dem er das elegante Interieur seiner Wohnung dargestellt hat, inklusive gusseisernem Ofen und einer luxuriösen goldenen Uhr.

Stock hat sein „Scizzenbuch mit 32 Blatt prima Schöller’schen Zeichenpapier“ (so auf der Umschlaginnenseite) im Jahr 1907 begonnen, er hat es jedoch nicht zu Ende geführt. Das letzte datierte Bild stammt aus dem Jahr 1910, ein Jahr vor seinem Tod. Zwar sind alle Blätter bemalt, doch einige Bilder im hinteren Teil des Buches sind nur als schwarze Vorzeichnungen ausgeführt, sie wurden nicht mehr farbig ausgearbeitet – mit Ausnahme des letzten Blattes: Hier hat sich der Künstler vermutlich selbst gemalt: mitten in einer Wiese sitzend, den Malblock auf dem Schoß, den Farbkasten zu seinen Füßen, mit Blick auf zwei mächtige Bäume und eine idyllische Dorfansicht im Hintergrund.

Glückliche Stunden in der Natur: Der Maler zeigt sich hier vermutlich selbst bei seiner Lieblingsbeschäftigung.

Februar 2021: Faschings-Foto des Crailsheimer Dilettanten-Orchester

"Musikpflege in geselligem Kreis“

Vor rund 100 Jahren wurde ein Dilettantenorchester in Crailsheim aktiv, das durch charmante Auftritte das Publikum begeisterte.

„Crailsheimer Dilettantenorchester“ verkleidet als bezaubernde Damenkapelle. Orchesterleiter Wilhelm Müller sitzt auf einem Stuhl in der Bildmitte, rechts im Anzug der damalige Dirigent der Stadtkapelle, Wilhelm Glück

Faschingsnarren und Karnevalsjecken tragen im Moment vermutlich Trauer statt farbenfroher, verrückter Kostüme. Ein wenig Trost finden sie in den sozialen Netzwerken, wo sie wehmütig ihre Kostümierungen der vergangenen Jahre präsentieren. Grund genug für das Crailsheimer Stadtarchiv, als Archivale des Monats ein knapp 100 Jahre altes Faschingsbild aus der Fotosammlung „zu posten“.

Das Bild, von Foto Schlossar aufgenommen, zeigt eine bezaubernde Gesellschaft: Zwölf attraktive „Damen“ in schimmernden knielangen Kleidern, manche mit Perlenkette geziert, sitzen oder stehen auf einem gemusterten Teppich und lächeln den Betrachter charmant an. Die Grazien tragen sorgsam ondulierte Frisuren, sie halten verschiedene Instrumente in ihren Händen. Seitlich am rechten Rand blickt ein Herr im Anzug energisch aus dem Bild.

Wer genauer schaut, stutzt jedoch: Diese Damen mit fröhlich-keckem Blick haben auffällig breite Oberkörper und markante Kinnpartien. Offensichtlich hat sich hier eine fidele Herrengruppe „in Schale geworfen“. Wer herausfinden möchte, wer dieses Ensemble ist, wird in verschiedenen Schriften zur Crailsheimer Musikgeschichte fündig, vor allem in den Erinnerungen des Zeitgenossen Karl Ruoff: Demnach handelt es sich bei der Musikgruppe um das „Crailsheimer Dilettantenorchester“. Das Orchester war in den 1920er und 1930er Jahren ein wichtiger Bestandteil des Crailsheimer Musiklebens. Beliebt wurde es durch die „leichte“ Art seiner Musik, Operetten- und Unterhaltungsmusik, Tänze und Märsche.

„Das Ziel des C.D.O. bestand in der Musikpflege in geselligem Kreise“, heißt es in einem Artikel im „Fränkischen Grenzboten“ vom 5. November 1929. Hier ist über die frühe Geschichte des „Dilettantenorchesters“ zu lesen: „Danach reichen dessen Anfänge bis in die Vorkriegszeit zurück, wo im Jahre 1912 unter der Leitung des Herrn Thurner sich einige wenige musiktreibende Herren zu gemeinsamem Musizieren zusammentaten.“ Der erwähnte Karl Thurner hatte ein Gasthaus in der Schillerstraße. Über die Zeit des Ersten Weltkriegs pausierten die Herren, aber im Anschluss ging es weiter, zunächst als „Hauskapelle“ des Schwäbischen Albvereins, dann als selbständiges Orchester. Wenn, wie bei vielen frühen Vereinen, ein genaues Gründungsdatum nicht genannt werden kann, so liegt dies vermutlich daran, dass aus einem losen Kreis erst nach und nach eine feste Vereinigung wurde. Offenbar betrachtete sich das Orchester selbst als im Jahr 1919 gegründet, denn das 10-jährige Jubiläum wurde am 3. November 1929 mit einem Konzertabend im Saal des Hotel Post Faber gefeiert. Die Besucher kamen so zahlreich, dass sich der festlich geschmückte Saal als zu klein erwies. Der erste Orchesterleiter, der Kaufmann Wilhelm Müller, war ein sehr guter Klavierspieler. Er setzte sich sehr für sein Orchester ein, so finanzierte er die Noten selbst und stellte einen Raum in seinem Haus für die Proben zur Verfügung. Nach seinem Tod 1931 übernahm Franz Kusnik die Leitung, geprobt wurde nun im Café Kett. Kusnik wurde schließlich nach Tübingen versetzt, das Orchester löste sich noch vor dem Zweiten Weltkrieg auf.

Das Musizieren war für das „Dilettantenorchester“ nicht nur Selbstzweck: So wurde beim 10-jährigen Jubiläum betont, dass sich die Musiker auch sozial engagierten, „zugunsten der Ruhrhilfe, der Mittelstandsnothilfe, der Kleinkinderpflege, am Crailsheimer Grenadiertag und am diesjährigen Obstbautag“. Der damalige Stadtschultheiß Friedrich Fröhlich lobte das Orchester ausdrücklich für seine Aktivitäten für die Kleinkinderpflege.

Die Auftritte des Orchesters waren beliebt, immer wieder finden sich im Fränkischen Grenzboten Hinweise darauf: so bei der großen Bezirks-Gewerbeschau während des Volksfests 1925: „Die Macht der Musik rührte an alle Herzen.“ Vor allem die harmonische Darbietung war bemerkenswert: „Die Einmütigkeit und der ausgezeichnete Zusammenhang, die im Orchester vorherrschen, machen es möglich, daß es so sicher und exakt ohne Direktion seine Darbietungen zu Gehör bringe.“ Für das Orchester hatte Orchesterleiter Müller einen eigenen Marsch komponiert – und wohl auch einige Faschingsschlager, die in Crailsheim zu Hits wurden. Entsprechend trat das Orchester gerne verkleidet auf, so als „Dachauer Bauernkapelle“ oder als ganz entzückendes „Damenorchester“, wie auf unserer Archivale des Monats zu sehen. Übrigens: Zwischen den Herren hat sich eine „echte“ Dame versteckt.

Und wer in Crailsheim nun einen neuen Trend setzen und das Foto nachstellen möchte: Dies dürfte aufgrund der Corona-bedingten Schließungen der Friseursalons kein Problem sein, denn manchen Herren wird inzwischen das Haupthaar so gewachsen sein, dass eine entsprechende Frisur onduliert werden kann.

Info: Die Fotosammlung des Stadtarchivs umfasst ca. 20000 Fotos, von denen im Moment rund 7250 verzeichnet sind. Zahlreiche Fotos wurden in jüngster Zeit an das Stadtarchiv geschenkt. Diese und die großformatigen Aufnahmen sollen in Kürze verzeichnet werden.

Januar 2021: Materialien zur Skisprungschanze im Eichwald

„Eine weiße Bahn, von weit mehr als 1000 Menschen umsäumt“

Am Tag vor dem denkwürdigen 20. Januar 1952 fiel der erwartete Schnee in Crailsheim, in den späten Abendstunden fuhr ein Lautsprecherwagen durch Crailsheim – eine sensationelle Nachricht wurde verkündet: Die Crailsheimer Skiwettkämpfe konnten beginnen und die neu gebaute Skisprungschanze sollte erstmals in Betrieb genommen werden! Laut eines Berichts im Hohenloher Tagblatt strömten zahlreiche Schaulustige in den Eichwald, um die Sensation zu erleben: „Der Hang des Kreckelbergs war am Sonntagnachmittag schwarz von Menschen.“ Die Besucher wähnten sich in einem der prominenten Skisprungorte: „Der Blick von der Höhe des Berges, auf dem das Anlaufgerüst steht, bot das aus so vielen Wochenschauen vertraute Bild einer großen wintersportlichen Veranstaltung: eine weiße Bahn inmitten einer Waldschneise, von weit mehr als 1000 Menschen umsäumt, mit zungenartig verbreitertem Auslauf, schneebehangene Bäume und in der Ferne hinter der weißen Ebene die verschneiten Berge.“

Gespannt hält das Publikum den Atem an: Ein wagemutiger Springer stürzt sich beim Eröffnungsspringen von der Eichwaldschanze
Springer Ernst Röhm in perfekter Haltung

Für das Testspringen wurde die neue Schanze am Sonntagvormittag mit weiterem Schnee „gepolstert“. Am Nachmittag wagte der Leiter der Skiabteilung des TSV Crailsheim, Julius Habermeier, den ersten Sprung. Noch wurde mit verkürztem Anlauf gestartet, was die Zuschauer vielleicht etwas enttäuschte: Der weiteste Sprung gelang Walter Erben mit gerade einmal 16,5 m. Die Eichwaldschanze bestand damit jedoch ihre „Feuertaufe“. Schon eine Woche später fanden die Jugendmeisterschaften des Bezirks Ostalb auf ihr statt, nun wurde die ganze Schanze genutzt. Walter Erben konnte in der „Allgemeinen Klasse“ mit 22 m und 22,5 m seine Sprungweite deutlich ausbauen und seine Führung amtlich machen. Am weitesten sprang allerdings in der Altersklasse ein Sportler des SV Unterkochen: 23,5 m. Der „offizielle“ Schanzenrekord von 24,5 m wurde 1953 von Berthold Kieninger aufgestellt.

Die Anlage der Eichwaldschanze ist aus mehreren Dokumenten nachvollziehbar, die von Günter Utz an das Crailsheimer Stadtarchiv übergeben wurden. Im „Abschlussbericht über den Bau der Eichwaldschanze“ sind die freiwillig geleisteten Arbeitsstunden, die Kosten und die Spenden verzeichnet. Demnach wurde mit dem Bau der Schanze am 1. Juli 1950 begonnen, die Bauleitung hatte der Vermessungsingenieur Hans Pauschinger. Vereinsmitglieder und weitere Freiwillige leisteten 3450 Stunden für Planung, Erd-, Beton- und Zimmererarbeiten. Crailsheimer Firmen spendeten Material und Lohnkosten in Höhe von 2010 DM. Eine mit Maßen und Werten versehene Zeichnung veranschaulicht die Geometrie der Schanze, beispielsweise liegt der Kritische Punkt bei 25 m. Am 16. Dezember 1951 war die rund 7 m hohe Holzkonstruktion fertig gestellt. Bauherrschaft und Bauleitung vermeldeten stolz: „Die Sprungschanze wurde durch Vertreter des Bezirks Ostalb im Schwäbischen Skiverband abgenommen und als gut befunden.“

Heute sieht man nur noch wenige Betonpfeiler, die Holzkonstruktion wurde abgebaut
Ein großes Publikum zog das Faschingsspringen an

Die Eichwaldschanze sorgte in mehreren kalten, schneereichen Wintern für Abenteuer und Vergnügen. Spektakuläre Aufnahmen aus der Fotosammlung des Stadtarchivs zeigen die wagemutigen Crailsheimer Springer. Besonders viele Zuschauer zog das Faschingsspringen an, bei dem die Männer verkleidet antraten – einmal wurde auf diese Weise ein „Internationales Damenspringen“ veranstaltet, lange bevor Skispringen auch für Frauen zur  Wettbewerbsdisziplin wurde. Die aus Nadelholz gebaute Schanze zerfiel mit der Zeit, wärmere Winter machten eine Instandsetzung nicht rentabel. Die in den Wald geschlagene Schneise ist längst zugewachsen. Nur noch einzelne Betonpfeiler im Wald künden von Crailsheims Glanzzeit als Skisprungort.