Aktuelles

September 2021: Buntes Lockmittel zum Fränkischen Volksfest

Im Stadtarchiv werden die Volksfestplakate der letzten 100 Jahre aufbewahrt

Vermutlich das älteste Volksfest-Plakat: Es zeigt eine alte Stadtansicht mit Rathausturm und Liebfrauenkapelle

Eines vermissen die Crailsheimer in diesen Tagen besonders: Das freundliche Winken des „Eilooders“ zum Fränkischen Volksfest. Seit 1951, und damit seit genau 70 Jahren, ist er Symbol der „Fünften Jahreszeit“ in Crailsheim: Damals hatte der Volksfestausschuss einen Wettbewerb für ein Plakat ausgelobt. Fünf Künstler reichten Entwürfe ein, und „nach mancherlei Beratungen und Erwägungen“ – wie es in einem Bericht des Hohenloher Tagblatts vom 15. August 1951 heißt, wählte der Ausschuss den Entwurf des aus Crailsheim stammenden und in Lindau tätigen Künstlers Gottlob Rettenmaier aus. Seither ist der „fröhliche Franke“ in historischer Tracht mit Regenschirm und Dreispitz das Bildsymbol des Festes schlechthin – nicht nur auf Plakaten, sondern auch auf Festprogrammen und -karten, auf Zugfahrplänen, als Ansteckpin und auf T-Shirts. Seit 1963 grüßt er monumental über einem Torbogen am Eingang zum Volksfestplatz – und seit einigen Jahren auch in Form von Tattoos an delikaten Stellen.

Der Plakatwettbewerb wurde 1951 ausgelobt, weil damals ein Doppeljubiläum gefeiert wurde: 110 Jahre Landwirtschaftliches Bezirksfest, das unter Einbeziehung von Handel und Gewerbe seit 50 Jahren unter der Regie der Stadt Crailsheim als Fränkisches Volksfest gefeiert wurde. Das heißt, die ersten Jahrzehnte wurde das ursprünglich rein landwirtschaftliche Fest noch ohne den einladenden Jungbauern begangen. Die vorherigen Plakate lockten die Feierwilligen mit ganz unterschiedlichem Layout. Sie zeigten scherenschnittartig die Stadtsilhouette und brachten Feststimmung mit Ansichten von Riesenrad und bunten Ballonen.

Abb.2

Die Volksfestplakate der letzten 100 Jahre haben Eingang gefunden in die Plakatesammlung des Crailsheimer Stadtarchivs, wo sie unter der Signatur P 3 kürzlich verzeichnet wurden. Das erste datierte Plakat stammt aus dem Jahr 1925. Vermutlich noch älter ist jedoch ein nicht näher bezeichnetes Plakat: Es zeigt eine Ansicht der Stadt von der Jagst her gesehen, mit Rathausturm und Liebfrauenkapelle, die hinter den Resten der Stadtmauer und der engen Bebauung aufragen. Unter der Darstellung ist die Beischrift zu sehen: „Crailsheim / Großes Fränkisches Volksfest im September“. Im Bildfeld ist oben das Wappen der Stadt mit den drei Krailen und unten rechts – natürlich – ein Horaff platziert. Ein aus gegenständigen Horaffen gebildetes Bandornament umgibt die bildliche Darstellung. Unterzeichnet ist das Blatt mit dem Namen der Druckerei, der Lithographischen Anstalt Max Seeger in Stuttgart, und mit dem Namen „Stierle“. Der Entwerfer ist aufgrund seiner Signatur mit Heiner bzw. Heinrich Stierle zu identifizieren. Stierle wurde 1879 in Stuttgart geboren und war als Maler tätig. Seine impressionistischen Gemälde werden von Zeit zu Zeit auf Kunstauktionen angeboten.

Aus der Tatsache, dass das bunte Treiben „Fränkisches Volksfest“ genannt wird, ist ersichtlich, dass das Plakat frühestens 1901 entstanden sein kann, als das Fest in städtische Verwaltung überging. Stadtschultheiß Hugo Sachs hielt damals, am 24. September 1901, die erste Rede eines Crailsheimer Bürgermeisters zur Eröffnung des Festes. Er erklärte, dass der bisherige Organisator, der Landwirtschaftliche Bezirksverein, das Abhalten des Festes nicht mehr alleine stemmen konnte – und dass daraus jedoch keinesfalls eine Entfremdung zwischen Stadt und Land abzulesen sei, wie böse Zungen behaupteten: „Nichts Lächerliches als das! Glauben Sie denn, daß vielleicht das bösartige Geschwätze einzelner, oder daß die üble Laune eines Zeitungsschreibers oder daß gar die Folgen politischer Wahlen und andere Dinge geeignet sind, eine seit Jahrhunderten bestehende, zur Existenz beider Teile notwendige Freundschaft zwischen Stadt und Land zu trüben und das Band unwandelbarer Treue zu lockern oder zu zerreißen? Nein, niemals!“ Eine gute Ernte bringe gute Geschäfte, Stadt und Land gehörten daher unmittelbar zusammen, so das Stadtoberhaupt. Diese Haltung kam wohl 50 Jahre später zum Tragen, als der „Eilooder“, der fränkische Bauersmann im Sonntagsstaat, erfunden wurde und seither als Festbesucher vor Ansichten der Stadt und des Rummelplatzes präsentiert wird. Vielleicht haben wir Glück und der „Eilooder“ winkt uns nächstes Jahr zum Volksfest wieder zu.

von Dr. Helga Steiger

Abb.3
Abb.4
Abb.5
  • Abb.2: 1951 von Gottlieb Rettenmaier aus der Taufe gehoben und seither nicht mehr wegzudenken: Dem „Eilooder“ gelang es laut HT-Redakteur Albert Gscheidle schon damals, die Volksfestbesucher „in einen Hexenkessel der heiteren Verirrung zu stürzen“
  • Abb.3: Das älteste erhaltene datierte Plakat stammt aus dem Jahr 1925
  • Abb.4: Bunte Ballone versprechen Unbeschwertheit und Vergnügen – die fehlenden Hauben auf den Türmen des Rathauses und der Liebfrauenkapelle erinnern jedoch noch an die schwere Zeit des Krieges
  • Abb.5: Dieser gemütliche Dickbauch wurde ebenfalls zum Plakat-Wettbewerb eingereicht. Er war im Jahr 1953 das Plakatmotiv, konnte sich jedoch letztlich nicht gegen den „Eilooder“ durchsetzen

Juli / August 2021: Gästebuch für die Besucher des Rathausturmes

„Bei Regen, Wind und Schnee…“

von Dr. Helga Steiger

Ab 1980 konnte der Rathausturm wieder bestiegen werden. Die ersten „Bezwinger“ unterzeichneten im damals ausgelegten Gästebuch. Dieses befindet sich inzwischen im Stadtarchiv.

Der „Höhepunkt“ einer Stadtführung durch Crailsheim ist sicherlich die Besteigung des Rathausturmes – und nachdem seit kurzem wieder Führungen möglich sind, wartet das Team des Stadtführungsservices gerade darauf, dass die Storchenküken flügge werden. Dann können geführte Gruppen wieder die Aussicht von oben genießen.

Dass eine Besteigung des Turmes überhaupt möglich ist, ist einer Bürgerinitiative zu verdanken. Zwar wurde nach dem Zweiten Weltkrieg beim Wiederaufbau des Rathauses auch der ausgebombte Turmstumpf saniert, die schöne barocke Haube aus finanziellen Gründen jedoch nicht wieder aufgesetzt. Jahrzehntelang blieb der Turm ohne schmucke Bekrönung. Für die ehemalige Crailsheimerin Bertha Dinkel, geborene Leiberich, war dies ein unhaltbarer Zustand. Sie rief 1977 anlässlich ihres 80. Geburtstages eine Stiftung ins Leben, um den Stadtturm wieder aufbauen zu lassen. Dinkel spendete 10 000 Mark als Grundkapital, als Bedingung legte sie fest, dass der Turm in Abstimmung mit dem Landesdenkmalamt genau nach den alten Formen wieder errichtet werden sollte. Zudem sollte das Bauwerk bis 25. Juli 1980 fertig sein. Weitere Zustiftungen waren notwendig – und tatsächlich gelang es dank eines enormen bürgerschaftlichen Engagements, die Mittel zusammenzutragen. Noch vor Ablauf der gesetzten Frist wurde die 16 Meter hohe und 16 Tonnen schwere Haube mit Spezialkränen auf das Mauerwerk aufgesetzt. Tausende Menschen aus Crailsheim und der Umgebung strömten an jenem Samstag, dem 13. Oktober 1979, zum Rathaus, um dem Spektakel beizuwohnen.

Die Stadt feierte sich selbst: Wenige Monate später wurde die Einweihung des Rathausturmes und das 600-jährige Jubiläum des Stadtfeiertags mit mehreren Veranstaltungen begangen. Natürlich gehörte eine „Erstbesteigung“ des Turmes zum Programm. Um den historischen Moment festzuhalten, wurde oben im Turm ein Buch ausgelegt, auf dessen ersten Seiten sein Zweck festgehalten ist: „Dieses Buch wird eröffnet zur Erinnerung an die Einweihungsfeier und als Gästebuch für die Besucher des Rathausturmes im Turmzimmer aufgelegt. Crailsheim, den 10. Februar 1980.“ Unterzeichnet ist es von Oberbürgermeister Hellmut Zundel. Es wird als Archivale des Monats Juli 2021 vorgestellt.

An erster Stelle durften sich die Ehrengäste eintragen: Gerhard Hampel als Präsident des Landesvermessungsamtes und Karl Heinrich Koepf vom Landesdenkmalamt Baden-Württemberg. Dann folgen die Unterschriften von Crailsheimer Bürgerinnen und Bürgern, dicht gedrängt und vermutlich als Abbild der Enge, die oben auf dem Turm in den ersten Stunden geherrscht haben mag. Zahlreiche Namen folgen, als Einzelpersonen, Familien oder Gruppen. Das Gästebuch liest sich wie ein „Who’s Who“, ein Personenlexikon der jüngsten Crailsheimer Stadtgeschichte.  Es sind viele Namen von Personen, die damals schon in Crailsheim und darüber hinaus bekannt waren – und einige Namen von Personen, die erst später allgemein bekannt wurden. So hätte sich Gudrun Bolz als eine der ersten Besucherinnen auf dem Rathausturm sicherlich nicht träumen lassen, dass sie in ferner Zukunft mit flinkem Schritt als Stadtführerin Gästegruppen die Stufen hinauf lockt. Auch Stephen Brauer wird als Viertklässler der Grundschule Altenmünster noch nicht Landtagsabgeordneter als Berufswunsch angegeben haben. Und sehr wahrscheinlich hat sich eine später international gefeierte Berühmtheit als junge Dame verewigt: So findet sich der Name „Sabine Meyer“ in der Reihe der ersten Turmbesteiger.

Es unterzeichnen Politikergruppen und Vereine, die Musikanten auf dem Turm, wie die Crailsheimer Jagdhornbläser, es unterschreiben Schüler auf Wandertagen und Ehemalige bei Klassentreffen. Teils sind die Namen brav untereinander aufgelistet, teils in buntem Durcheinander. Nicht nur Crailsheimer wollen den Blick über ihre Stadt genießen: Menschen aus Honhardt, Gerabronn, Blaufelden, Stuttgart, Fürth, München, amerikanische Gäste aus der Partnerstadt Worthington und Soldaten aus den McKee Barracks, Besucher aus Frankreich, Holland, Bulgarien, Australien verewigen sich im Buch. Sogar ein Gruß in arabischer Schrift ist zu finden. Die Unterschrift von „Bud Spencer“ am Faschingsdienstag 1980 dürfte eher in die Kategorie „Fake-News“ einzuordnen sein.

Sind die ersten Seiten noch dichtgedrängt mit Namen versehen, sind auf den hinteren Seiten auch einige Zeichnungen zu sehen: Die in den 1980er Jahre so beliebten wie unausweichlichen „Ottifanten“ wurden reingekritzelt, begleitet von launigen Schülersprüchen, die als niederschwelliges Angebot für beginnende Lyrik-Fans zu werten sind: „Ich sitze hier und esse Klops – auf einmal Kopps“. Auch manche phantasielose Obszönität ließ sich offenbar nicht vermeiden.

Anderes wiederum ist bewegend, charmant und witzig. Ergreifend ist das Gedicht, das die Musikanten beim Turmblasen am Nikolaustag 1980 hinterlassen hatten:

„Bei Regen, Wind und Schnee
bei Glühwein, Rum und Tee
da haben wir hier musiziert
es hat uns wie die ‚Sau‘ gefriert.
Oder: Da haben wir hier musizoren
es hat uns wie die ‚Sau‘ gefroren.“

Juni 2020: Wasserkunst in Crailsheim

Vom Ledereimer zum Löschzug: Die Technisierung bei der Crailsheimer Feuerwehr

Eine der ältesten Zeichnungen in der Grafiksammlung des Crailsheimer Stadtarchivs zeigt nicht etwa eine historische Stadtansicht oder eine honorige Persönlichkeit, sondern eine kuriose Gerätschaft: Auf einem Traggerüst aus roten Holzbalken und -brettern sitzt ein dekorativ verzierter Kasten. Er wird flankiert von zwei senkrechten Ständern, in denen Hubstangen befestigt sind. Diese kreuzen sich über der Mitte des Kastens und betätigen zwei dünne Eisenstangen, die in den Kasten abgesenkt werden können.  Daneben ragt ein Metallrohr empor, dessen waagerecht abgewinkeltes Ende vermutlich geschwenkt werden konnte. Unter dem Kasten ist ein U-förmiges Rohr zu sehen. Offenbar handelt es sich um ein raffiniertes technisches Gerät.

Noa Ruthardt von Biberach war ein gefragter Spezialist: Im Stadtarchiv Crailsheim hat sich sein Entwurf für eine Handdruckspritze erhalten

Aufschluss gibt eine kleine Beischrift auf der Rückseite des ehemals wie ein Brief gefalteten Blattes: „Modell von einer Waßerkunst“. Das Bild zeigt somit eine Spritze, bei der durch Betätigen der Hebel im Behälter Druck erzeugt wird und somit Wasser gespritzt werden kann. Der „Meister dieses Werkes“, Noa Ruthardt von Biberach, nennt sich stolz auf der Vorderseite. Dort sind auch die Maße des Kastens angegeben. Offenbar hatten die Crailsheimer zu Beginn des 18. Jahrhunderts genug davon, Brände mühselig mit Ledereimern zu löschen. Die Stadt interessierte sich für eine moderne Feuerspritze und holte dazu von weit her das Angebot eines Fachmannes ein. Der Preis der Spritze ist mit 140 Gulden angegeben.

Der „Technikfuchs“ Noa Ruthardt war damals wohl überregional bekannt: Eine von ihm 1733 gefertigte Handdruckspritze hat sich noch in Lienz in Österreich erhalten. Es ist bekannt, dass Ruthardt persönlich von Biberach nach Lienz reiste, um die Handhabung des Geräts zu erklären. Diese vermutlich älteste erhaltene Feuerspritze Tirols war rund 150 Jahre im Einsatz und befindet sich immer noch im Besitz der Lienzer Feuerwehr. Ein Vergleich zeigt die Ähnlichkeit zum Entwurf im Crailsheimer Stadtarchiv: Auch hier sitzt ein Kasten auf einer Tragkonstruktion, die an den Schmalseiten die Halterungen für die Pumpstangen hält. Das Spritzrohr ragt oben aus dem Kasten heraus. Deutlich wird jedoch auch, dass zum Transport ein Wagen genutzt werden konnte. Dieser wurde in Lienz von Pferden gezogen. Die Spritze in Lienz ist ebenfalls bemalt, auf der mittigen Kartusche ist das Wappen der Adelsfamilie Wolkensteiner zu sehen, daher der Name: Wolkensteiner Spritze. Auf einem Crailsheimer Modell, wenn es wie auf der Zeichnung dargestellt gebaut worden wäre, hätten sich die drei Kraile des Stadtwappens sicher gut in der Wappenkartusche gemacht, die von Löwen und Blattranken umrahmt wird.

Ob diese „Wasserkunst“ jedoch tatsächlich von der Stadt angeschafft wurde, ist bislang nicht bekannt. Dass sich die Stadt schon in früheren Jahrhunderten rege um eine zeitgemäße technische Ausrüstung – und damit um die Sicherheit ihrer Einwohner – bemühte, ist an einzelnen Punkten gut nachvollziehbar: In den Stadtrechnungen ist belegt, dass 1779 eine „größere Feuermaschine“ mit Schlauch angeschafft wurde.  Sie stammte aus der Werkstatt des ansässigen Glockengießers Johann Ernst Lösch. Glockengießer Lösch wurde um 1800 regelmäßig für die Wartung der Spritzen bezahlt. 1837 wurde eine alte tragbare Feuerspritze verkauft und ein moderneres Gerät angeschafft. Schon 1857 lieferte die Firma Metz aus Heidelberg eine „Saug- und Feuerspritze“, nachdem im Jahr zuvor die Feuerwehr für alle Männer verpflichtend geworden war. Weil es immer wieder Beschwerden über deren Einsatzeifer gab, wurde schließlich 1877 unter Stadtschultheiß Leonhard Sachs die Freiwillige Feuerwehr gegründet. Dazu holte die Stadt wiederum Angebote für „Feuermaschinen“ ein, wie mehrere Darstellungen eleganter Löschwagen in der Grafiksammlung des Stadtarchivs beweisen.

Werbeplakat der Firma Magirus aus Ulm ca. 1860

Von diesen ältesten Feuerlöschgeräten hat sich in Crailsheim allerdings keines erhalten. Das älteste erhaltene Fahrzeug ist der Tanklöschwagen 15/50, der von 1953 bis 1983 in Betrieb war, weitere Oldtimer sind das Löschgruppenfahrzeug 16-TS von 1960 und der Schlauchwagen 2000 aus dem Jahr 1966: „Die sind alle noch fahrbereit“, betont Stadtbrandmeister Armin Klingenbeck. Nach seiner Auskunft besitzt die Crailsheimer Wehr momentan 32 im Dienst stehende Fahrzeuge, sowie zwölf Abrollbehälter und drei Anhänger. Das modernste Fahrzeug ist der kürzlich angeschaffte Kommandowagen, der über einen Hybridantrieb verfügt.                                                                                          von Dr. Helga Steiger

Mai 2021: Krippe der Sophie Scholl

von Dr. Helga Steiger

Außergewöhnlich viele Anfragen hatte das Stadtarchiv Crailsheim in den letzten Wochen zu bearbeiten – Anlass war der 100. Jahrestag des Geburtstags von Sophie Scholl, die am 9. Mai 1921 geboren wurde. Im Stadtarchiv wird eine Sammlung zur Geschichte der Familie Scholl mit Schriften und persönlichen Gegenständen verwahrt. Deswegen meldeten sich zahlreiche Institute und Verlage, sogar ein Fernsehbeitrag des Bayrischen Rundfunks ist entstanden. Darin sind als herausragende Stücke der Sammlung die Brieftasche von Robert Scholl mit den Bildern seiner Frau und seinen Kindern Hans und Sophie sowie eine von Sophie gefertigte Krippe zu sehen.

Diese von Sophie eigenhändig gefertigte Laubsägearbeit wird daher als Archivale des Monats Mai näher vorgestellt. Das rund 50 cm hohe Kunstwerk wurde von Elisabeth Hartnagel, der Schwester von Sophie Scholl, an das Archiv zur Aufbewahrung übergeben. Nach ihren Schilderungen wurde es im Jahr 1940 geschaffen und von Sophie den Eltern zu Weihnachten geschenkt.

aus der Scholl-Grimminger-Sammlung So 2/39

Das dreidimensionale Wandbild zeigt eine idyllische Szene: Vor einem Nadelbaum mit weit ausgreifenden Ästen sitzt, ein wenig aus der Mitte gerückt, eine junge Frau auf einem Schemel. Sie trägt ein schlichtes dunkelrotes, knielanges Kleid. Ihre nackten Arme umfangen den Säugling auf ihrem Schoß. Mit ruhigem Ausdruck blickt sie auf das Kind, ihr helles Gesicht wird von ihren langen schwarzen Haaren betont. Der Frau gegenüber stehen am linken Rand zwei halbwüchsige Kinder. Der außen stehende Junge in kurzen braunen Hosen und hellem Hemd spielt auf einer Flöte. Das Mädchen hält eine Gabe. Es trägt ein dunkles knielanges Kleidchen mit roten Bortenverzierungen. Vor den Kindern steht ein Reh, dessen Kopf verloren ist. Hinter der Frau kauern zwei weitere Tiere, ein Hase und ein Eichhörnchen, dessen Schwanz ebenfalls abgebrochen ist. Die Figuren sind in szenischer Anordnung auf einen nach unten spitz zulaufenden Sockel gestellt. An diesem sind noch zwei Halter montiert, die das Aufstellen von Kerzen ermöglichen, als stimmungsvolle Rahmung der Szene.

Das liebevoll bemalte Werk wurde schon mehrfach in Krippenausstellungen gezeigt. Krippendarstellungen haben eine lange Tradition: Seit etwa 1600 wurde das Geschehen um die Geburt Christi von katholischen Gläubigen mit Skulpturen nachgestellt – und seitdem wuchs die Freude, dies mit zahlreiche Figuren in spannungsvollen Szenerien zu illustrieren, weit über die biblische Grundlage hinaus. Die öffentlich zugänglichen figurenreichen Krippen wurden jedoch um 1800 verboten, weil man darin in den „unanständigen Schauspielen“ mit den „buntscheckigen Figuren“ eine bloße „sinnliche Zerstreuung“ und Herabwürdigung der heiligen Geschichte sah. Das Bedürfnis zum Schauen und (Be-)Wundern gab es dennoch: So entstanden im privaten Raum die ersten Hauskrippen. Lange Zeit waren sie das häusliche Symbol der Weihnachtszeit, bevor dem Christbaum diese Rolle zukam.

Bei der Ausgestaltung des Weihnachtsfestes verloren allmählich die gepflegten konfessionellen Unterschiede ihre Schärfe: Um 1900 hatte sich das Aufstellen von Krippen auch in protestantischen Haushalten etabliert. Es gab Aufstellkrippen aus Papier zu kaufen, bei denen die Figuren tiefenräumlich gestaffelt waren – ähnlich wie bei der Krippe von Sophie Scholl. Doch gerade der Vergleich mit solchen Krippendarstellungen zeigt, dass diese keine Weihnachtsdarstellung im herkömmlichen Sinn ist, so wie man es erwarten würde: mit dem Jesuskind in der Krippe im Stall, mit Maria und Josef, Engel, Hirten, Ochs und Esel. Vielmehr ist eine junge Frau mit Kind in der Abgeschiedenheit des Waldes gezeigt. Die zahmen Tiere, die ihr zugewandt sind, und der dunkle, schützende und abschirmende Baum schaffen ein märchenhaftes Ambiente. Kein heiliger Schein umgibt die Frau, nur die Kinder mit Musik und Gaben verstärken den innigen Moment. So könnte man mehr an eine Verbildlichung eines Märchens denken, mit den typischen, immer wiederkehrenden Erzählmotiven. Sehr ähnliche Züge weist beispielsweise die Legende der in einen Wald verstoßenen Genoveva von Brabant auf. Deren bildliche Darstellungen zeigen eine vergleichbare Szenerie.

Die Krippe von Sophie Scholl hat somit kein übliches weihnachtliches Bildprogramm, sondern fängt eine zarte Stimmung ein: die Wertschätzung des Wunders des kindlichen Lebens, die Erfüllung in der Abgeschiedenheit und Einfachheit der Natur. Das sind Empfindungen, die der Erzähl- und Märchenwelt des 19. Jahrhunderts entstammen, die in Form von Geschichtenbüchern, häufig mit Illustrationen von Ludwig Richter, auch noch in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts fast in jedem Haushalt Einzug gehalten hat. So erinnerte sich Sophies Schwester Inge, dass das Ludwig-Richter-Buch mit seinen liebevollen Zeichnungen von Kindern eine wichtige Rolle in Sophies frühem Leben spielte. Inge dachte auch, dass die talentierte Sophie Kunst studieren würde. Doch Sophie hielt dies für nicht möglich, wählte ein Studium der Biologie und Philosophie. Sie zeichnete und malte weiterhin gerne, entwickelte ihren Stil weiter, zeigte sich unter anderem beeindruckt von der expressiven Malweise Paula Modersohn-Beckers. Die innige Verbundenheit mit der Natur, die in der Laubsägearbeit festgehalten ist, bleibt in Sophies Leben eine Grundkonstante – sie hat dies immer wieder in ihren Aufzeichnungen zum Ausdruck gebracht: Am Tag vor ihrer Verhaftung schrieb sie einen Brief an ihre Freundin Lisa Remppis, in der sie ihre Gefühle beim Hören von Schuberts Forellenquintett festhielt:

 

  „Man kann ja nicht anders als sich freuen und lachen, so wenig man unbewegten oder traurigen Herzens die Frühlingswolken am Himmel und die vom Wind bewegten knospenden Zweige in der glänzenden jungen Sonne sich wiegen sehen kann.“

aus der Sammlung Hartnagel

April 2021 von Dr. Helga Steiger: Schadensplan der Stadt Crailsheim

„Die ganze Innenstadt war ein einziger Trümmerhaufen“

Im Stadtarchiv Crailsheim gibt es eine umfangreiche Karten- und Plansammlung. Ein Plan der Stadt Crailsheim ragt dabei besonders heraus, er zeigt den Grundriss der Innenstadt östlich der Jagst. Rechts und links der beiden Hauptstraßen, der Langen Straße und der Karlstraße, stehen die Häuser dicht an dicht. Kleine schiefe Gässchen führen zu den größeren Plätzen, zum Markt- und zum Schweinemarktplatz, zum Kirchplatz, Karlsplatz und Schlossplatz. An letzterem ist noch die Vierflügelanlage des Crailsheimer Schlosses zu sehen. Der Plan zeigt somit das alte Crailsheim, das mittelalterliche fränkische Städtchen, das nach Meinung von zeitgenössischen Städteplanern „ein abgerundetes, gutes Stadtgebilde in der Art der Städte Dinkelsbühl oder Nördlingen“ war.

Doch dieses Crailsheim gab es zu diesem Zeitpunkt bereits nicht mehr: Der Plan ist einer von mehreren Plänen des Stadtarchivs Crailsheim, auf denen unmittelbar nach der Zerstörung der Stadt in den letzten Wochen des Zweiten Weltkrieges die Kriegsschäden dokumentiert wurden. In seiner unbedarften Buntfarbigkeit vermittelt er dem Betrachter erst auf den zweiten Blick die ganze traurige Wirklichkeit: Die Legende zeigt, dass alles, was gelb markiert wurde, total zerstört war, orangefarbig markierte Häuser waren schwer zerstört, leicht- bzw. unbeschädigte Gebäude waren mit den Farben rot und braun gekennzeichnet.

Schadensplan der Stadt Crailsheim, Maßstab 1: 2500, 75 x 58 cm.

So ist sehr gut zu sehen, dass die braun markierten Gebäude der unteren Wilhelmstraße und der Spitalstraße fast keine Schäden zu verzeichnen hatten. Der Bereich dazwischen, die komplette historische Altstadt also, wurde gelb bzw. orange markiert: total oder schwer zerstört. Abgesehen von den Gebäuden rund um die Johanneskirche waren nur zwei weitere Gebäude in der Stadt unversehrt geblieben. Crailsheim war damit im Innenstadtbereich zu 95 Prozent dem Erdboden gleichgemacht. Die einzelnen Strukturen der Gebäude waren praktisch nicht mehr zu erkennen. Ein Leben war in der Stadt kaum mehr möglich. Zeitzeugin Marie Wohlmann hielt in ihrer Familienchronik fest: „Es herrschten wahrhaft chaotische Zustände in der Stadt. Die ganze Innenstadt war ein einziger Trümmerhaufen, von den Brandbomben stieg der Rauch noch lange aus den Ruinen hoch, und der Brandgeruch lag noch wochenlang über der Stadt.“

Die Zerstörung der Stadt hatte sich über mehrere Wochen hingezogen. War Crailsheim zunächst noch einigermaßen vom Kampfgeschehen verschont geblieben gab es am 2. Februar 1945 den ersten Bombenangriff, bei dem Menschenleben zu beklagen waren: das Konsumgebäude in der Grabenstraße wurde dabei durch einen Volltreffer zerstört. Am 23. Februar war das Bahnhofsareal Ziel eines konzentrierten Bomberangriffes. Das Gelände war nach der Detonation von 928 Bomben (laut Einsatzbericht der amerikanischen Achten Luftflotte) wie umgewühlt, auch zahlreiche Wohn- und Industriegebäude, etwa das Gaswerk, sowie der Rathausturm wurden schwer getroffen bzw. zerstört. Bei den beiden Angriffen starben 70 Menschen.

Hanna Westhäußer, geb. Leiberich, berichtete in einem Brief über diese ersten Bombardierungen und hielt dabei die nicht greifbare Widersprüchlichkeit von Kriegszeiten fest: „Ich weiß, daß ich bei allem Durcheinander noch nie einen so schönen, warmen und trockenen Frühling erlebt habe.“ Doch diesen Frühling zu genießen, dazu hatten die Crailsheimer endgültig keine Gelegenheit mehr: Nach schweren Bombardierungen am 4. April, die unter anderem dem Fliegerhorst galten, kamen zwei Tage später überraschend amerikanische Soldaten mit Panzern in der Stadt an und nahmen diese ohne wesentliche Gegenwehr ein. Die vorher aus der Stadt geflüchteten SS-Truppen nahmen Crailsheim unter Artilleriebeschuss und fügten somit der Stadt weitere schwere Schäden zu, unter anderem rund um den Schweinemarktplatz. Womit nicht mehr zu rechnen war: Die Deutschen „eroberten“ die Stadt zurück – die Amerikaner zogen sich am Abend des 10. April hinter die eigenen Linien zurück. Dabei legten sie an mehreren Stellen Feuer, welches zu weiteren Schäden und Zerstörungen von Gebäuden führte.

Die auf deutscher Seite hochstilisierte und gefeierte „Rückeroberung“ brachte neue Bombardements durch amerikanische Jagdbomber. Ziele waren die Hauptstraßenkreuzungen, die Eisenbahnbrücke, erneut das Rathaus, der nördliche Teil der Stadtmitte. NSDAP-Kreisleiter Hänle ließ ab 14. April in der schon schwer getroffenen Stadt Panzersperren errichten. Noch am Abend des 20. April ließ die SS die Jagstbrücke sprengen. Die Amerikaner nahmen den Widerstand als Aufforderung zum Beschuss mit Phosphorgranaten. In der Nacht zum 21. April 1945 ging die Stadt endgültig unter. Als eines der letzten Gebäude brannte das Schloss aus. Manche brennenden Gebäude konnten wegen fehlender Infrastruktur nicht gelöscht werden. Sie steckten benachbarte Gebäude in Brand, die bis dahin noch unversehrt geblieben waren. Beim Einmarsch notieren die Amerikaner: „Die Brände sind gefährlicher als der Feind.“

Zu diesem Zeitpunkt waren nur noch wenige Menschen in der Stadt, viele waren in die Vororte oder in die umliegenden Dörfer geflüchtet. Berichte von Augenzeugen, Luftfotografien, Notizen des amerikanischen und deutschen Militärs liefern nur ein unvollständiges Bild, wie die Stadt nach und nach unterging. Der Schadensplan im Crailsheimer Stadtarchiv hält den traurigen Endzustand fest.    von Dr. Helga Steiger

Die Berichte der Zeitzeugen wurden entnommen aus Hans Gräser (Hrsg.): Die Schlacht um Crailsheim. Das Kriegsgeschehen im Landkreis Crailsheim im 2. Weltkrieg. Crailsheim 1997.

März 2021: Skizzenbuch des Ernst Stock

Der malende Gastwirt und Privatier

An der frischen Luft unterwegs zu sein war in den letzten Wochen die wichtigste Freizeitaktivität und das wird es trotz schrittweiser Öffnungen sicherlich noch eine Weile bleiben. Wer sich beklagt, dass sein täglicher Wanderweg bereits Spurrinnen hat, könnte bei wärmeren Temperaturen ja mal prüfen, ob es stimmt, dass in jedem Menschen ein Künstler steckt: Er könnte sich an einem schönen Plätzchen niederlassen und versuchen, seine Umgebung zeichnerisch festzuhalten.

Ernst Christian Stock war Sohn des „Wildmannwirtes“. Stock hat die elterliche Gastwirtschaft am Schwanensee im September 1907 gemalt

Auf diese Weise ist vor mehr als 100 Jahren Ernst Stock durch Crailsheim und Umgebung gewandert. Dabei hat der damals 80-Jährige ein Skizzenbuch gefüllt – mit Ansichten von Landschaften und Gebäuden, mit Darstellungen von einzelnen oder mehreren Personen oder von Tieren in Feld und Wald. Das Buch wirkt von außen mit seinem beigefarbenen leinenbezogenen Einband eher unscheinbar. Im Inneren sind jeweils auf der rechten Seite die farbenfrohen Bilder zu sehen.

Ernst Christian Stock malte den Diebsturm, wie er heute nicht mehr zu sehen ist: Mit voll-ständig erhaltenem Wehrgang und der umgebenden Bebauung

Der Künstler, Ernst Stock, war kein gelernter Maler und das sieht man seinen Bildern auch an. Sie wirken oft kindlich-naiv. In der Natur plan liegende Flächen erscheinen manchmal wie hochgeklappt, zudem lässt die starke Betonung der Umrisslinien vor allem die Figuren etwas hölzern wirken. Der besondere Wert des Buches liegt jedoch darin, dass Stock auf manchen Bildern Orte in und um Crailsheim sehr genau und detailreich wiedergegeben hat. Er malte seine Umgebung zu einem Zeitpunkt, als zwar die Fotografie bereits etabliert war, aber dennoch kaum Stadtansichten abgelichtet wurden, sondern überwiegend Personen im Atelier. So sind auf seinen Aquarellen Orte gezeigt, die sich heute in einem völlig veränderten Zustand darbieten. Stock hat die Motive genau bezeichnet, ein Bild ist betitelt als „Blick auf den fränkischen Rigi u. Burgberger Wald, Roßfeld u. Sauerbrunnen von den beiden Bahnwarthäuschen aus an der Linie Mergentheim-Nürnberg“. Ein weiteres Bild zeigt den Diebsturm, an den noch der komplette Wehrgang mit mehreren angebauten Schuppen anschließt und hinter dem das stattliche Wohnhaus der Familie Mülberger zu sehen ist.

Dass Stock gerne in Nah und Fern unterwegs war, zeigt sich an der weiteren Auswahl seiner Motive, beispielsweise „Heldenmühle und Auhof“, „Schloß Burleswagen und Neidenfels“, „Dinkelsbühl-Rothenburger Tor“, „Zwingenberg an der Bergstraße“.

Die Bergwerkstraße um 1910: Stock zeigt die Villa Scheef und den Rosenwirtsbierkeller.

Interessanterweise malte Stock auch Gastwirtschaften, so den „Wildmannkeller“ am Schwanensee, wo sich jetzt das Albert-Schweitzer-Gymnasium befindet, oder den „Rosenwirtsbierkeller“ neben der Villa von Carl Scheef in der heutigen Bergwerkstraße. Kein Wunder: Ernst Christian Stock war selbst Gastwirt, und zwar von 1862 bis 1881 auf der „Sonne“ in der Langen Straße. Er wurde 1837 in Crailsheim als Sohn des Wildmannwirtes Georg Christoph Friedrich Stock geboren. 1863 heiratete er Karoline Christine, Tochter des Konditors Johann Gerg Stock. Das Paar hatte neun Kinder. Aus dem Besitz der Tochter Bertha, die im Jahr 1900 den Malzfabrikanten Friedrich Cron geheiratet hatte, kamen verschiedene Materialien ins Stadtarchiv, so das als Archivale des Monats März vorgestellte Skizzenbuch und ein gemalter Stammbaum der Familie. Auf letzterem wird die Familiengeschichte bis ins Jahr 1700 zurückgeführt, auf den „Bierbrauer und Gastwirth zum Wildmann“ J. H. Stock.

Ernst Stock hatte genügend Zeit, sich der schönen Muße hinzugeben: Nach einem Insolvenzverfahren lebte er weiter als „Privatier“, das heißt, ohne einer Arbeit nachzugehen von seinem Besitz. Nicht allzu schlecht, wie ein Bild in seinem Skizzenbuch beweist, auf dem er das elegante Interieur seiner Wohnung dargestellt hat, inklusive gusseisernem Ofen und einer luxuriösen goldenen Uhr.

Stock hat sein „Scizzenbuch mit 32 Blatt prima Schöller’schen Zeichenpapier“ (so auf der Umschlaginnenseite) im Jahr 1907 begonnen, er hat es jedoch nicht zu Ende geführt. Das letzte datierte Bild stammt aus dem Jahr 1910, ein Jahr vor seinem Tod. Zwar sind alle Blätter bemalt, doch einige Bilder im hinteren Teil des Buches sind nur als schwarze Vorzeichnungen ausgeführt, sie wurden nicht mehr farbig ausgearbeitet – mit Ausnahme des letzten Blattes: Hier hat sich der Künstler vermutlich selbst gemalt: mitten in einer Wiese sitzend, den Malblock auf dem Schoß, den Farbkasten zu seinen Füßen, mit Blick auf zwei mächtige Bäume und eine idyllische Dorfansicht im Hintergrund.

Glückliche Stunden in der Natur: Der Maler zeigt sich hier vermutlich selbst bei seiner Lieblingsbeschäftigung.

Februar 2021: Faschings-Foto des Crailsheimer Dilettanten-Orchester

"Musikpflege in geselligem Kreis“

Vor rund 100 Jahren wurde ein Dilettantenorchester in Crailsheim aktiv, das durch charmante Auftritte das Publikum begeisterte.

„Crailsheimer Dilettantenorchester“ verkleidet als bezaubernde Damenkapelle. Orchesterleiter Wilhelm Müller sitzt auf einem Stuhl in der Bildmitte, rechts im Anzug der damalige Dirigent der Stadtkapelle, Wilhelm Glück

Faschingsnarren und Karnevalsjecken tragen im Moment vermutlich Trauer statt farbenfroher, verrückter Kostüme. Ein wenig Trost finden sie in den sozialen Netzwerken, wo sie wehmütig ihre Kostümierungen der vergangenen Jahre präsentieren. Grund genug für das Crailsheimer Stadtarchiv, als Archivale des Monats ein knapp 100 Jahre altes Faschingsbild aus der Fotosammlung „zu posten“.

Das Bild, von Foto Schlossar aufgenommen, zeigt eine bezaubernde Gesellschaft: Zwölf attraktive „Damen“ in schimmernden knielangen Kleidern, manche mit Perlenkette geziert, sitzen oder stehen auf einem gemusterten Teppich und lächeln den Betrachter charmant an. Die Grazien tragen sorgsam ondulierte Frisuren, sie halten verschiedene Instrumente in ihren Händen. Seitlich am rechten Rand blickt ein Herr im Anzug energisch aus dem Bild.

Wer genauer schaut, stutzt jedoch: Diese Damen mit fröhlich-keckem Blick haben auffällig breite Oberkörper und markante Kinnpartien. Offensichtlich hat sich hier eine fidele Herrengruppe „in Schale geworfen“. Wer herausfinden möchte, wer dieses Ensemble ist, wird in verschiedenen Schriften zur Crailsheimer Musikgeschichte fündig, vor allem in den Erinnerungen des Zeitgenossen Karl Ruoff: Demnach handelt es sich bei der Musikgruppe um das „Crailsheimer Dilettantenorchester“. Das Orchester war in den 1920er und 1930er Jahren ein wichtiger Bestandteil des Crailsheimer Musiklebens. Beliebt wurde es durch die „leichte“ Art seiner Musik, Operetten- und Unterhaltungsmusik, Tänze und Märsche.

„Das Ziel des C.D.O. bestand in der Musikpflege in geselligem Kreise“, heißt es in einem Artikel im „Fränkischen Grenzboten“ vom 5. November 1929. Hier ist über die frühe Geschichte des „Dilettantenorchesters“ zu lesen: „Danach reichen dessen Anfänge bis in die Vorkriegszeit zurück, wo im Jahre 1912 unter der Leitung des Herrn Thurner sich einige wenige musiktreibende Herren zu gemeinsamem Musizieren zusammentaten.“ Der erwähnte Karl Thurner hatte ein Gasthaus in der Schillerstraße. Über die Zeit des Ersten Weltkriegs pausierten die Herren, aber im Anschluss ging es weiter, zunächst als „Hauskapelle“ des Schwäbischen Albvereins, dann als selbständiges Orchester. Wenn, wie bei vielen frühen Vereinen, ein genaues Gründungsdatum nicht genannt werden kann, so liegt dies vermutlich daran, dass aus einem losen Kreis erst nach und nach eine feste Vereinigung wurde. Offenbar betrachtete sich das Orchester selbst als im Jahr 1919 gegründet, denn das 10-jährige Jubiläum wurde am 3. November 1929 mit einem Konzertabend im Saal des Hotel Post Faber gefeiert. Die Besucher kamen so zahlreich, dass sich der festlich geschmückte Saal als zu klein erwies. Der erste Orchesterleiter, der Kaufmann Wilhelm Müller, war ein sehr guter Klavierspieler. Er setzte sich sehr für sein Orchester ein, so finanzierte er die Noten selbst und stellte einen Raum in seinem Haus für die Proben zur Verfügung. Nach seinem Tod 1931 übernahm Franz Kusnik die Leitung, geprobt wurde nun im Café Kett. Kusnik wurde schließlich nach Tübingen versetzt, das Orchester löste sich noch vor dem Zweiten Weltkrieg auf.

Das Musizieren war für das „Dilettantenorchester“ nicht nur Selbstzweck: So wurde beim 10-jährigen Jubiläum betont, dass sich die Musiker auch sozial engagierten, „zugunsten der Ruhrhilfe, der Mittelstandsnothilfe, der Kleinkinderpflege, am Crailsheimer Grenadiertag und am diesjährigen Obstbautag“. Der damalige Stadtschultheiß Friedrich Fröhlich lobte das Orchester ausdrücklich für seine Aktivitäten für die Kleinkinderpflege.

Die Auftritte des Orchesters waren beliebt, immer wieder finden sich im Fränkischen Grenzboten Hinweise darauf: so bei der großen Bezirks-Gewerbeschau während des Volksfests 1925: „Die Macht der Musik rührte an alle Herzen.“ Vor allem die harmonische Darbietung war bemerkenswert: „Die Einmütigkeit und der ausgezeichnete Zusammenhang, die im Orchester vorherrschen, machen es möglich, daß es so sicher und exakt ohne Direktion seine Darbietungen zu Gehör bringe.“ Für das Orchester hatte Orchesterleiter Müller einen eigenen Marsch komponiert – und wohl auch einige Faschingsschlager, die in Crailsheim zu Hits wurden. Entsprechend trat das Orchester gerne verkleidet auf, so als „Dachauer Bauernkapelle“ oder als ganz entzückendes „Damenorchester“, wie auf unserer Archivale des Monats zu sehen. Übrigens: Zwischen den Herren hat sich eine „echte“ Dame versteckt.

Und wer in Crailsheim nun einen neuen Trend setzen und das Foto nachstellen möchte: Dies dürfte aufgrund der Corona-bedingten Schließungen der Friseursalons kein Problem sein, denn manchen Herren wird inzwischen das Haupthaar so gewachsen sein, dass eine entsprechende Frisur onduliert werden kann.

Info: Die Fotosammlung des Stadtarchivs umfasst ca. 20000 Fotos, von denen im Moment rund 7250 verzeichnet sind. Zahlreiche Fotos wurden in jüngster Zeit an das Stadtarchiv geschenkt. Diese und die großformatigen Aufnahmen sollen in Kürze verzeichnet werden.

Januar 2021: Materialien zur Skisprungschanze im Eichwald

„Eine weiße Bahn, von weit mehr als 1000 Menschen umsäumt“

Am Tag vor dem denkwürdigen 20. Januar 1952 fiel der erwartete Schnee in Crailsheim, in den späten Abendstunden fuhr ein Lautsprecherwagen durch Crailsheim – eine sensationelle Nachricht wurde verkündet: Die Crailsheimer Skiwettkämpfe konnten beginnen und die neu gebaute Skisprungschanze sollte erstmals in Betrieb genommen werden! Laut eines Berichts im Hohenloher Tagblatt strömten zahlreiche Schaulustige in den Eichwald, um die Sensation zu erleben: „Der Hang des Kreckelbergs war am Sonntagnachmittag schwarz von Menschen.“ Die Besucher wähnten sich in einem der prominenten Skisprungorte: „Der Blick von der Höhe des Berges, auf dem das Anlaufgerüst steht, bot das aus so vielen Wochenschauen vertraute Bild einer großen wintersportlichen Veranstaltung: eine weiße Bahn inmitten einer Waldschneise, von weit mehr als 1000 Menschen umsäumt, mit zungenartig verbreitertem Auslauf, schneebehangene Bäume und in der Ferne hinter der weißen Ebene die verschneiten Berge.“

Gespannt hält das Publikum den Atem an: Ein wagemutiger Springer stürzt sich beim Eröffnungsspringen von der Eichwaldschanze
Springer Ernst Röhm in perfekter Haltung

Für das Testspringen wurde die neue Schanze am Sonntagvormittag mit weiterem Schnee „gepolstert“. Am Nachmittag wagte der Leiter der Skiabteilung des TSV Crailsheim, Julius Habermeier, den ersten Sprung. Noch wurde mit verkürztem Anlauf gestartet, was die Zuschauer vielleicht etwas enttäuschte: Der weiteste Sprung gelang Walter Erben mit gerade einmal 16,5 m. Die Eichwaldschanze bestand damit jedoch ihre „Feuertaufe“. Schon eine Woche später fanden die Jugendmeisterschaften des Bezirks Ostalb auf ihr statt, nun wurde die ganze Schanze genutzt. Walter Erben konnte in der „Allgemeinen Klasse“ mit 22 m und 22,5 m seine Sprungweite deutlich ausbauen und seine Führung amtlich machen. Am weitesten sprang allerdings in der Altersklasse ein Sportler des SV Unterkochen: 23,5 m. Der „offizielle“ Schanzenrekord von 24,5 m wurde 1953 von Berthold Kieninger aufgestellt.

Die Anlage der Eichwaldschanze ist aus mehreren Dokumenten nachvollziehbar, die von Günter Utz an das Crailsheimer Stadtarchiv übergeben wurden. Im „Abschlussbericht über den Bau der Eichwaldschanze“ sind die freiwillig geleisteten Arbeitsstunden, die Kosten und die Spenden verzeichnet. Demnach wurde mit dem Bau der Schanze am 1. Juli 1950 begonnen, die Bauleitung hatte der Vermessungsingenieur Hans Pauschinger. Vereinsmitglieder und weitere Freiwillige leisteten 3450 Stunden für Planung, Erd-, Beton- und Zimmererarbeiten. Crailsheimer Firmen spendeten Material und Lohnkosten in Höhe von 2010 DM. Eine mit Maßen und Werten versehene Zeichnung veranschaulicht die Geometrie der Schanze, beispielsweise liegt der Kritische Punkt bei 25 m. Am 16. Dezember 1951 war die rund 7 m hohe Holzkonstruktion fertig gestellt. Bauherrschaft und Bauleitung vermeldeten stolz: „Die Sprungschanze wurde durch Vertreter des Bezirks Ostalb im Schwäbischen Skiverband abgenommen und als gut befunden.“

Heute sieht man nur noch wenige Betonpfeiler, die Holzkonstruktion wurde abgebaut
Ein großes Publikum zog das Faschingsspringen an

Die Eichwaldschanze sorgte in mehreren kalten, schneereichen Wintern für Abenteuer und Vergnügen. Spektakuläre Aufnahmen aus der Fotosammlung des Stadtarchivs zeigen die wagemutigen Crailsheimer Springer. Besonders viele Zuschauer zog das Faschingsspringen an, bei dem die Männer verkleidet antraten – einmal wurde auf diese Weise ein „Internationales Damenspringen“ veranstaltet, lange bevor Skispringen auch für Frauen zur  Wettbewerbsdisziplin wurde. Die aus Nadelholz gebaute Schanze zerfiel mit der Zeit, wärmere Winter machten eine Instandsetzung nicht rentabel. Die in den Wald geschlagene Schneise ist längst zugewachsen. Nur noch einzelne Betonpfeiler im Wald künden von Crailsheims Glanzzeit als Skisprungort.